TEST

Fliegende Legende

Der "Waco YMF-5C" von Phoenix Model


Ein Hingucker besonderer Art sind diese Doppeldecker aus der "goldenen Zeit der Fliegerei"

Die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts werden oft als das "goldene Zeitalter der Fliegerei" bezeichnet. Keine Flugzeugart verkörpert dieses eindrucksvoller als der Doppeldecker. Grund genug für Detlef Rosner sich so einem Klassiker als ARF-Modell zu widmen.

Die "Waco" wird von Phoenix Model als ARF-Modell im Maßstab 1:5,75 hergestellt und in Deutschland von D-Power vertrieben. Jeder Sendung liegt eine gut strukturierte und intuitiv verständliche englische Bauanleitung bei. Sie ist reich bebildert und mit Piktogrammen versehen. So kann auch ein der englischen Sprache nicht mächtiger Modellbauer kaum etwas falsch machen. Auf meinem altbewährten Montagebock habe ich das Modell nach Freilegen der Montageöffnungen - mit einem auf circa 300 °C geheizten Elektroniklötkolben mit feiner Spitze - provisorisch zusammengesteckt, beziehungsweise geschraubt. Falls etwas nachgearbeitet werden muss, lassen sich diese Arbeiten im Vorfeld besser erledigen als bei einem fast komplett aufgebauten Modell.

Bei den Tragflächen klappte das Stecken und Schrauben auf Anhieb, beim Höhenleitwerk leider nicht. Der Schlitz zur Aufnahme der Dämpfungsfläche war zu schmal ausgeführt. Ich habe ihn mit einer selbst gefertigten Schleiflatte vorsichtig erweitert, bis das Leitwerk durchpasste. Dann habe ich es nach Anleitung ausgerichtet und die exakte Position mit einem schwarzen Stift auf der Folie oben und unten (!) markiert. Die Folie wurde auch diesmal mit dem Lötkolben im Bereich der Markierung "weggeschmolzen" und von den Klebestellen abgezogen. Als Führung für den Lötkolben verwende ich stets ein kleines Stahllineal. Nun habe ich das Höhenleitwerk wieder eingeführt. Da beim Verkleben Holz auf Holz trifft, verwendete ich Weißleim.

Vor dem erneuten Zerlegen und dem Beginn der eigentlichen Endmontage habe ich das Modell noch vermessen. Mit den Daten fütterte ich das Programm "WinLaengs4" zur Berechnung des Schwerpunktes - bei Doppeldeckern immens wichtig. Der Hersteller gibt den Schwerpunkt mit 120 Millimetern Abstand von der Nasenleiste der oberen Tragfläche an. Das entspricht genau den Arretierungsschrauben der Tragflächen im Baldachin - eigentlich sehr praktisch. Erfreulicherweise gab die Berechnung bei 13 Prozent statischer Längsstabilität genau diesen Wert an. Bei 16 Prozent sind es circa 113 Millimeter, bei acht Prozent 128 Millimeter.

Da ich den "Waco" elektrisch betreiben möchte, kamen bei einem anderen Punkt Bedenken auf: Wohin mit dem Akku? Der Hersteller gab zwar eine Lösung vor, doch war diese auch das Optimum? Das Modell ist für den Betrieb mit einem Verbrenner ausgelegt. Am besten passt da ein Viertakter mit circa 15 Kubikzentimeter Hubraum. Ein elektrischer Außenläufer an 6s-LiPo 5.000 Milliamperestunden bringt bei fast identischem Gewicht des Antriebstrangs die erforderliche Leistung genauso. Nur ist die Massenverteilung eine andere: Beim Verbrenner liegen circa 700 Gramm vor dem Brandschott und circa 500 Gramm Sprit dahinter. Beim Elektriker sieht es genau umgekehrt aus! Deshalb machte ich eine Momentenberechnung für beide Fälle: Angenommen, hinter dem Schwerpunkt ändert sich nichts und beim Einbau eines Verbrenners wird der Schwerpunkt von 120 Millimetern hinter der Nasenleiste des Oberflügels ohne Bleizugabe erreicht. Das Rechenergebnis war ernüchternd: Um dasselbe Kippmoment zu erreichen, musste der Akku circa 60 Millimeter nach vorne geschoben werden. Dazu musste der Motorspant zwischen den Einschlagmuttern zur Befestigung der Motorträger so weit ausgeschnitten werden, bis der Akku durchpasst. Drei bis vier Millimeter Luft nach allen Seiten sind perfekt.

Zeit für die Endmontage des Modells: Der Servoeinbau in Tragflächen und Rumpf war schnell erledigt, die Aufnahmen sind für Standardservos ausgelegt. Als Servos kamen vier Stück "AS-575BBMG" von D-Power zum Einsatz. Das sind kräftige, sehr präzise arbeitende Analogservos mit einer Stellkraft von 7,5 kg/cm. In den Tragflächen war eine Verlängerung der Servokabel um circa 30 Zentimeter erforderlich.

Als alles soweit war, habe ich die Tragflächen montiert und ausgerichtet. Zuerst habe ich die untere Tragfläche geprüft, dann den Baldachin mit seinen Streben aufgesetzt und akkurat senkrecht und waagerecht ausgerichtet. Anschließend die oberen Tragflächenhälften montiert und die Abstände bemessen. Am Baldachin habe ich nachjustiert. Das Vorgehen ist in der Anleitung geschildert und bebildert. Von der Präzision hängt das spätere Flugverhalten ab! Nachdem alles genau passte, wollte ich die Winkel für die Streben montieren. Doch die waren alle im 90-Grad-Winkel gebogen. Die unteren mussten aufgebogen (>90°), die oberen eingebogen (<90°) werden - eine recht lästige Fummelei mit Schraubstock und Zange. Da kam mir eine Idee: Ich habe zuerst einen der unteren Winkel leicht aufgebogen, festgeschraubt und sein oberes Pendant ohne Änderung ebenfalls befestigt. Dann legte ich die N-förmige Strebe an und musste feststellen: die Streben waren zu kurz. Jedenfalls wenn sie wie in der Anleitung montiert werden! Die Lösung: Ich musste den oberen Winkel um 180 Grad drehen. Nun zeigte das abgewinkelte Teil nach innen. Dadurch gewann ich 15 Millimeter Weglänge und die N-Strebe passte nun wie angegossen.

Zurück zur Antriebsfrage: Das Modell wiegt laut Hersteller circa fünf Kilogramm. Nehmen wir mal den empfohlenen Verbrenner "Saito FA91S" als Ausgangsbasis für unsere Einschätzung. Der hat eine maximale Wellenleistung von 1,6 PS, also rund 1.200 Watt. Das entspricht einem Leistungs-Gewichts-Verhältnis von 240 Watt pro Kilogramm. Der Elektroantrieb sollte die gleiche Wellenleistung bringen. Bei einem Wirkungsgrad von 80 Prozent benötigt er 1.500 Watt Eingangsleistung. An 6s-LiPo betrieben bedeutet das einen Strom von circa 67 Ampere - natürlich nicht auf Dauer. Zugegeben, die Rechnung ist über den (Ingenieur-) Daumen gepeilt, aber sie kommt der Praxis sehr nahe.

Zur Motorisierung standen drei Kandidaten zur Auswahl: "Rimfire .80" (Hobbico/Revell), "AL 50-04" (D-Power) und "Potenza 60" (Lindinger). Von Phoenix Model wird der "Rimfire .80" empfohlen. D-Power empfiehlt den Antriebsstrang aus eigenem Hause ("AL 50-04" mit Regler "Comet 80A SBEC" und 6s-LiPo 5.000). Wer etwas mehr Power will, kann den "Potenza 60" von Lindinger einsetzen (Testbericht in AUFWIND 6/2016). Der "Rimfire .80" schied aus. Ich habe ihn schon für ein anderes Modell verwendet. Also blieben der "Potenza 60" und der "AL 50-04".

Zum Einbau sind im Bausatz vier 50 Millimeter lange Distanzhülsen, lasergeschnittene Teile für den Motorspant sowie Schrauben, U-Scheiben und Einschlagmuttern vorhanden. Alles ist auf den "Rimfire.80" abgestimmt, inklusive der Befestigungslöcher für das Montagekreuz des Motors. Werden der "AL 50-04" oder der "Potenza 60" eingesetzt, muss einiges geändert werden. Mein Favorit "Potenza 60" ist der kräftigste, aber längste und schwerste in der Gruppe. Ein Austausch mit dem "AL 50-04" ist kein Problem, weil der auf das gleiche Montagekreuz passt und zusätzlich nur fünf Millimeter Unterlage benötigt. Der Regler nahm in der für den Auspuff vorgesehenen Aussparung Platz, dort passt er hervorragend und ist sowohl geschützt als auch gekühlt. Dem Bausatz liegt eine 9-Zylinder-Sternmotoratrappe bei. Wird dieses Tiefziehteil wie geliefert eingeklebt, wird zum einen der Stirnwiderstand beträchtlich erhöht, zum anderen ist eine Luftzufuhr in die NACA-Haube und somit eine wirksame Motorkühlung unmöglich. Deshalb müssen die Zwischenräume der "Zylinder" ausgespart werden - ein Geduldspiel, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Zur Endmontage und dem finalen Auswiegen habe ich zuerst die unteren Tragflächen eingesetzt, dann den Baldachin aufgesetzt, ausgerichtet und festgeschraubt. Es empfiehlt sich, ihn auf dem Rumpf festgeschraubt zu lassen und für den Transport, beziehungsweise für die Lagerung nur die Tragflächen abzunehmen. Zur Montage der oberen Tragflächen werden die N-Streben aufgesetzt, die Bolzen durchgeschoben und mit den Splinten gesichert. Nochmals nachmessen, Baldachin ausrichten und korrigieren. Der aufgerüstete Vogel wog nun 5.280 Gramm. Aber passte jetzt auch der Schwerpunkt? Leider nicht! Um die 120 Millimeter ab Vorderkante Oberflügel zu erreichen, musste leider Blei in die Schnauze. Es hielt sich mit 120 Gramm in Grenzen. Die Bleiplatten wurden unten in der Haube ganz vorne platziert und mit einer M4-Schraube gesichert. Endgewicht: 5.400 Gramm. Das Leistungs-Gewichts-Verhältnis beträgt beim Einsatz des "Potenza 60" nun 244 Watt pro Kilogramm.

Für den ersten Flug habe ich die Ruderausschläge nach Empfehlung des Herstellers eingestellt. An einem frühen Nachmittag im Dezem- ber war es endlich soweit: strahlender Sonnenschein, windstill, 8 °C. Der Zusammenbau war schnell erledigt, der Flugakku eingesetzt, das Modell an die Zugwaage gelegt. 67 Ampere flossen durch den "Potenza P60", die 16 x 8 Zoll große Luftschraube wirbelte mit 8.800 Umdrehungen pro Minuten und erzeugte fünf Kilogramm Standschub.

Bei der Anfahrt auf der Piste nochmals Rudercheck. Dann: mit circa 70 Prozent Gasstellung etwa zehn Meter weit rollen. Nun hob der "Waco" das Heck, ließ sich mit dem Seitenruder "auf Strich" halten und hob nach weiteren fünf Metern gemächlich ab - das war nicht so geplant, kam aber so. Jetzt gab ich sicherheitshalber Vollgas, ein leichter Ruck am Höhenruder und der "Waco" nahm die Schnauze hoch und stieg mit bis zu 17,5 Metern/Sekunde senkrecht auf circa 200 Meter Höhe. Motorleistung also mehr als genug - diesen Punkt konnte ich abhaken. Also Gas zurück und ein Turn, gefolgt von einer tiefen und langsamen Trimmrunde über den Platz. Im waagerechten Geradeausflug zog der Antrieb 15 Ampere, die Luftschraube 16x8 drehte knapp 5.300 Umdrehungen pro Minute. Und ich konnte gemütliche 63 Stundenkilometer Marschgeschwindigkeit messen.

Dann ging es wieder 200 Meter hoch: geradestellen, anstechen - im 45-Grad-Winkel ging es mit 70 Prozent Gasstellung abwärts. In etwa 90 Metern Sicherheitshöhe ließ ich die Ruder los. Der "Waco" blieb auf Abwärtskurs. Erst ein minimales Ziehen des Höhenruders brachte ihn in die Waagerechte. Der Schwerpunkt stimmte also, da habe nichts mehr geändert. Als Nächstes dann der Motorsturz: Beim Überflug in der Waagerechten habe ich Vollgas gegeben und 106 Stundenkilometer gemessen. Der "Waco" stieg minimal. Dann Gas raus, nach etwa 150 Metern nahm das Modell die Schnauze leicht runter. Konnte so bleiben, der Rückenflug gab dann Gewissheit: leichtes Drücken war erforderlich, etwa zwei Zacken. Fürs Erste blieb der Motorsturz unverändert. Rollen kamen mit den eingestellten Querruderausschlägen gut. Aber geht es auch noch zackiger? Für meinen Flugstil sind größere Querruderausschläge erforderlich. Im Messerflug muss leicht Querruder gehalten werden, der Doppeldecker dreht sich sonst raus. Ansonsten gibt es nichts zu meckern. Auch das Abreißverhalten ist neutral: Der "Waco" wird bei voll gezogenem Höhenruder extrem langsam, kippt aber nicht weg, sondern nimmt die Schnauze runter und Fahrt auf.

Nach neun Minuten Motorlaufzeit waren gerade mal 2,2 Amperestunden aus dem Akku genommen. Trotzdem entschloss ich mich zur Landung. Nach zwei Platzüberflügen in geringer Höhe konnte ich das Verhalten gut einschätzen und brachte den "Waco" mit Schleppgas Richtung Piste. Gashebel weiter zurück, Höhe langsam ziehen, das Modell schwebte waagerecht ein und setzte ohne zu springen oder auszubrechen auf. Nach wenigen Metern stand das Modell auf der etwas holprigen Graspiste.

Weil mir die Ruderausschläge für "zügiges Figurenfliegen" etwas knapp bemessen vorkamen, habe ich sie für den zweiten Flug geändert: Querruder +/-26 mm und 45 Prozent Exponential, Höhenruder +/-20 mm und 20 Prozent Exponential, Seitenruder +/-65 Millimeter und 60 Prozent Exponential. Das Ergebnis zeigte sich schon beim Anrollen auf der Piste: dank feinfühliger Reaktion des Seitenruders um die Mittelstellung lief der "Waco" wie an der Schnur gezogen geradeaus. Der hohe Expo-Anteil sorgte für weiches Einleiten der Kurven, die Rollen kamen bei Vollausschlag der Querruder zackig. Auch die Reaktion auf Höhe und Tiefe war besser. Um die Mittelstellung waren kleine Korrekturen erforderlich, bei Vollausschlag ging es schlagartig senkrecht hoch. Mit vollem Tiefenruder gelang aus dem kräftigen Geradeausflug sogar ein Negativlooping.

Szenen- beziehungsweise Motorwechsel: der "P60" wurde aus- und der "AL 50-04" von D-Power eingebaut. Der Motor und die zu ihm passende 15 x 8 Zoll große Luftschraube sind circa 60 Gramm leichter. Damit der Schwerpunkt stimmt, kommt das entsprechende Gewicht in Form einer Bleiplatte zusätzlich in die Haube. Das Gesamtgewicht hatte sich somit nicht verändert. Der "AL50-04" drehte die Luftschraube mit 8.900 Umdrehungen pro Minute. Dabei genehmigte sich der Antrieb im Stand 64 Ampere aus dem 6s-LiPo. Der Standschub betrug 4,9 bis 5 Kilogramm - praktisch kaum ein Unterschied zum stärkeren "Potenza 60". Auch der Start verlief gleich: mit circa dreiviertel Gas hob der "Waco" nach gut 15 Metern Rollstrecke ab. Dann: Vollgas, hochgezogen, erste Platzrunde - auch jetzt kein Unterschied im Flugverhalten. Mit 68 Stundenkilometern ging es gemütlich geradeaus, der Antrieb zog 17 Ampere, der Propeller drehte mit 5.970 Umdrehungen/Minute. Im Geradeausflug erreichte der "Waco" bis zu 105 Stundenkilometer. Dabei genehmigte sich der Motor 57 Ampere und der Propeller drehte mit 8.630 Umdrehungen/Minute. Ein mit Vollgas eingeleiteter Steigflug zeigte eine Anfangsgeschwindigkeit von 17,5 Meter/Sekunde, das Steigvermögen war allerdings geringer als mit dem "Potenza 60". Mein Fazit: für den Normalbetrieb, insbesondere wenn man Wert auf scalegerechtes Fliegen legt, ist der "AL50-04" die richtige Wahl.

Der "Waco" von D-Power ist ein qualitativ hochwertiges und gut ausgestattetes Modell. Mit der nötigen Sorgfalt und Präzision gebaut, erhält man nicht nur einen "Hingucker", sondern auch einen hervorragend fliegenden Oldtimer. Die Elektro-Variante bedarf allerdings eini- ger Änderungen. Für einen routinierten Modellbauer keine unmögliche Aufgabe. Schließlich sind wir als Modellbauer auch Konstrukteure und nicht nur "Schrauber nach Anleitung" - oder?

Detlef Rosner


Fakten

"Waco" von D-Power
Ein Elektro-Doppeldecker

Spannweite: 1.600 mm
Länge: 1.200 mm
Gewicht: 5.400 g
Preis: 439,- Euro
Bezug im Fachhandel
www.d-power.de


So sitzt der Motor richtig, die meisten Teile dafür liegen dem Modell bei


Der Regler sitzt perfekt belüftet und gekühlt an seinem Platz


Die Motorattrappe muss ein wenig ausgefräst werden, um die Kühlung des Motors zu gewährleisten


Mit seinen 1,6 Metern Spannweite ist der "Waco" ein stattlicher Doppeldecker


Behäbig sehen sie aus, diese Doppeldecker, wenn sie so auf der Wiese rollen


Die Landung ist genauso unproblematisch wie das Fliegen


Die im Modell getesteten Motoren auf einen Blick



Hier geht es zur Artikel-Übersicht

Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 1/2018

Das komplette Inhaltsverzeichnis 1/2018
Zur Heftbestellung bitte hier entlang.

©AUFWIND 2018