TEST

Flapp . Flapp ... Flapp

Das Erlebnis, einen Gyrocopter zu fliegen


Der "Smart-Gyro" stellt die Premiumausführung eines Einsteigermodells in das Gyrocopter-Fliegen dar

Gyrocopter sind faszinierend. Manntragend sieht man sie mehr und mehr fliegen. Doch die bisher angebotenen Modelle waren eher dem Spielzeugbereich zuzuordnen. Viel weniger jedoch einer professionellen Umsetzung. Ganz anders verhält es sich bei den Modellen von Ernst Keplinger aus Österreich. Philipp Gardemin hat sich mit dem "Smart-Gyro" beschäftigt.

Ernst Keplinger ist ein Vollblut-Gyrocopter-Pilot, und besucht durchaus auch (Modell-) Flugtage. Im In- und Ausland ist er deshalb mit seinen drei Gyrocopter-Modellen auch bekannt: Dem "Smart-Gyro" im Maßstab 1:6 mit 1.360 Millimetern Rotordurchmesser, dem "Calidus" mit 2.500 Millimetern Rotordurchmesser und natürlich seinem Flaggschiff - einem Einzelstück - dem Gyrocopter im Maßstab 1:2,2 mit 3.750 Millimetern Rotordurchmesser. Der ist sogar perfekt seinem manntragendem Vorbild nachempfunden. Geflogen wird er mit einem Hacker-Motor A150-10. Ausgestattet ist er unter anderem mit Rauchpatronen. Die Flugvorführungen muss man gesehen haben. Mit Worten lässt sich das nicht erklären. Mit seinem Internetauftritt unter www.rc-gyro-modelle.at vermittelt der Gyrocopter-Pilot viele weitere Informationen zum Thema.

Ich traf Ernst Keplinger erstmals auf der letzten Pro-Wing in Soest. Wir flogen im selben Slot. So konnte ich seine Vorführungen mit dem großen Gyrocopter anschaulich miterleben. Ich war begeistert von der Leichtigkeit des Fliegens, dem irren Flugbild und der hohen Wendigkeit. Ebenso von der professionellen Bauweise und Ausstattung. Außerdem ist Ernst Keplinger ein ganz toller Typ: redegewandt, sympathisch und ein sehr fachkundiger Gesprächspartner. Schnell hatte er mit seiner Begeisterung für Gyrocopter-Modelle auch mich angesteckt. So fand schließlich ein Bausatz des kleinen "Smart-Gyro" den Weg in meine Werkstatt. Vertrieben wird das Modell direkt bei Ernst Keplinger.

Geliefert werden wirklich feine Teile. Mehrere beschriftete Tütchen mit sorgfältig sortierten Mechanikteilen. Darunter sind zahlreiche CFK-Frästeile und Schrauben, aus denen zum Beispiel das Bugfahrwerk und die Hauptrotormechanik gebaut werden. Dazu die großen Pappelsperrholz-Teile zum Aufbau des Leitwerks. Damit hatte ich die meiste Arbeit. Sie müssen verleimt, abgerundet, grundiert und lackiert werden. Das Seitenruder wird über zwei Seilzüge angesteuert. Der GFK-Rumpf besteht aus einem recht dünnen Laminat. Es ist Weiß eingefärbt und bedurfte noch der Ausfräsungen zum Durchlass des Druckmotors und der Gestänge und Kabel zum Hauptrotor. Der Innenausbau des Rumpfes erfolgt als komplexer Aufbau aus Pappelsperrholz. Er nimmt vor allem die Servos und den Flugakku auf. Zwei Sitze werden abschließend montiert, die dem ganzen Modell ein vorbildgetreues Aussehen verleihen. Ein nettes Gimmick ist, dass dieser Aufbau ohne Kleber zusammengesteckt dem Bausatz beiliegt. Beim Auseinandernehmen sollte man die Teile sorgfältig ab- legen und sich einzeln einprägen. Dann kann das Verleimen reibungslos erfolgen. Ein lenkbares Bugfahrwerk, eine GFK-Fahrwerksschwinge sowie die Räder komplettieren den Bausatz.

Der Aufbau des Modells war dann auch in wenigen Tagen erledigt. Sorgfalt und Ruhe sind dabei angeraten. Die Mechanik beispielsweise erfährt später hohe Schwingungsbelastungen. Die CFK-Teile werden daher mit "UHUplus endfest 300" verklebt und zusätzlich verschraubt. Auch muss die Rotorwelle leichtgängig laufen, die Kugellager müssen also gerade eingedrückt werden. Sorgfalt zeichnet sich aus. Eile ist hier fehl am Platz. Aber alles ist durchdacht und passt letztlich auch. So ging die Montage reibungslos von der Hand. Lediglich für die Ausfräsungen im Rumpf wünschte ich mir Andeutungen oder Markierungen. Im vorliegenden Falle war bei den Gestängedurchführungen doch etwas viel "Try & Error" angesagt. Auch der Druckmotor sollte tatsächlich rund einen Zentimeter über der Mitte platziert sein. Bei zuwenig Luft kollidiert die Luftschraube mit dem Heckausleger.

Die Servoempfehlung seitens Ernst Keplinger - wie sie auch im Shop von Lindinger angegeben wird - sollte tunlichst beachtet werden: Für Nicken und Rollen des Hauptrotors werden zwei 40-g-Servos mit Metallgetriebe und circa 5,3 Kilogramm Stellkraft benötigt. Zur Steuerung des Seitenruderservos wird ein 17-g-Servo (ab 2 kg Stellkraft) empfohlen, zur Steuerung des lenkbaren Bugrades ein 9-g-Exemplar. Für die Programmierung des Hauptrotors wird ein Delta-V- Mischer verwendet. Die Empfehlung, bei Vollgas des Schubmotors den Hauptrotor ein paar Grad nach rechts zu kippen hat sich - aber das wunderte auch nicht mehr - ebenfalls als goldrichtig erwiesen.

Eine Besonderheit des Modells - angesichts der Größe - ist der Motor zum Verdrehen des Hauptrotors. Er wird direkt am Hauptzahnrad angeflanscht und über einen eigenen kleinen Regler angesteuert. In meinem Fall kam ein 20-g-Außenläufer mit 1.100 kv zum Einsatz. Dieser wurde auf dem Sender auf einen Schieberegler programmiert und kann somit langsam hochgeregelt werden. Im Vollgasbereich zieht er dann 3,9 Ampere. Der empfohlene Schubmotor "Joker 3548-3,5 V3" ist ein 167 Gramm schwerer Außenläufer mit 35 Millimetern Durchmesser und 1.120 kv. Er dreht eine 9 x 7 Zoll große Luftschraube bei rund 28 Ampere. Damit wird der Vortrieb erzeugt, der letztendlich für die Drehung des Hauptrotors und den damit verbundenen Auftrieb des Modells notwendig ist.

Ernst Keplinger ist allgegenwärtig in Social-Media-Kanälen, was mir sehr zugute kam. So konnte ich ihn während der Bauphase immer wieder um Rat fragen und Tipps einholen. Meistens jedoch, um mich einfach abzusichern. Letzten Endes stand das Modell - ausgestattet mit einem 3s-LiPo 4.000 mAh - mit 2.105 Gramm Fluggewicht bereit zum Erstflug.

Ich konnte es kaum erwarten, endlich mal einen Gyrocopter in die Luft zu bringen. Ein wenig zu blauäugig ging ich an das Thema. Zu wenig verinnerlichte ich mir die Startprozedur im Vorfeld - was sich schnell rächen sollte. Doch der Reihe nach: Den "Smart-Gyro" auf die Wiese gestellt und mit dem Druckmotor an die Startposition gerollt. Vereinskollege Thomas hielt die Smartphone-Kamera drauf. Dann den Andrehmotor des Hauptrotors langsam hochgeregelt, bei Erreichen von Vollgas wieder ausgestellt. Dann den Druckmotor an, den Rotor nach hinten gekippt und die Fuhre zog los. Nach wenigen Metern - und viel schneller als erwartet - hob der "Smart-Gyro" ab und zog von dannen. Und ich? Ich war so beeindruckt, dass ich völlig ignorierte, den immer noch gezogen gehaltenen Hauptrotor nachzulassen. Die Strafe folgte auf dem Fuße: Plötzlich wackelte der Gyrocopter leicht, kippte links über und fiel aus rund 15 Metern Höhe ins hohe Buschwerk: Heckausleger gebrochen, ein Rotorblatt kaputt - ansonsten alles okay. Das war noch mal glimpflich ausgegangen.

Doch was war passiert? Eine Videoanalyse mit Unterstützung von Ernst Keplinger zeigte auf, dass ich gleich zwei Fehler gemacht hatte: Ich ließ zu viel Zeit zwischen dem Abschalten des Andrehmotors und dem Hochregeln des Druckmotors verstreichen. Dadurch fiel die Drehzahl bereits vor dem Losrollen zu weit ab. Und dann hielt ich - wie schon erwähnt - den Rotor nach dem Abheben gezogen. Dadurch konnte das Modell kein Tempo und der Rotor keine Drehzahl aufbauen, was letztlich in einem klassischen Auftriebsverlust endete.

Zugegeben, der Frust über mein Scheitern saß tief. Doch am nächsten Tag war der Ehrgeiz wieder geweckt! Schnell wurden die Ersatzteile bestellt und das Modell neu aufgebaut. Die Schäden hielten sich in Grenzen. Auch die CFK-Aufbauten hatten nichts abbekommen. Nach nur wenigen Stunden war alles wieder betriebsfertig.

Der zweite Versuch folgte. Den Flugakku tauschte ich noch gegen ein Exemplar mit 3.300 Milliamperestunden. Das drückte das Fluggewicht auf 1.915 Gramm. Auch den Propeller tauschte ich gegen eine geringere Steigung von 5 Zoll. Das sollte besser zur Fluggeschwindigkeit passen.

Der zweite Versuch sah nun ganz anders aus: Behutsam wurde der Hauptrotor hochgeregelt. Als die Modellnase langsam das Wandern nach links begann, war die passende Drehzahl erreicht. Nun den Druckmotor auf Halbgas und gleichzeitig den Schieberegler des Hauptrotormotors herunterziehen. Schon rollte das Modell zügig los und hob nach knapp fünf Metern ab. Sofort ließ ich diesmal den Hauptrotor nach und rauschte zunächst in wenigen Metern Höhe die Piste entlang. Akustisch und optisch konnte ich verfolgen, wie die Rotordrehzahl noch anstieg. Die erste Kurve war noch sehr zaghaft, mit ein wenig Querlage und viel Seitenruder. Brav folg-te der "Smart-Gyro" dann meinem Wunsch in eine weite Kurve. Auch zog ich nun den Hauptrotor wieder an und das Modell stieg stabil auf Höhe. Das flappende Rotorgeräusch war so ungewohnt wie faszinierend.

Nun war es aber an der Zeit den Motor etwas zu drosseln. Ernst Keplinger sagte schon im Vorfeld, dass der ganze Flug dann ruhiger würde - und er behielt recht. Übertreibt man es jedoch mit dem Drosseln, geht der "Smart-Gyro" in den Sinkflug. Jetzt am Hauptrotor zu ziehen wäre ein Fehler. Vielmehr heißt es dann: Gas nachschieben und Fahrt aufbauen. Die Rotordrehzahl ist die Überlebensgarantie. Genau so geht es auch zur Landung: Motor stark drosseln, den Sinkflug mit Gasschüben korrigieren und kurz vor dem Aufsetzen ein wenig Vorwärtsfahrt aufbauen. Das sieht am schönsten aus und schont die Zelle. Die folgenden Minuten gehören dann dem Betrachten des Rotors, wie er gemächlich ausdreht und zum Stillstand kommt.

Meine Flüge mit dem "Smart-Gyro" waren ein Erlebnis für Auge und Ohren. Flugleistungen und -dynamik sind nicht zu vergleichen mit den sonst üblichen Flächenmodellen. Eine willkommene Abwechslung für all diejenigen, die sich mal an was Neues herantrauen möchten. Mit der Garantie, der "Faszination Gyrocopter" zu erliegen.

Philipp Gardemin


Fakten

Erlebnismodell Tragschrauber
"Smart-Gyro" von Ernst Keplinger

Rotordurchmesser 1.360 mm
Länge 760 mm
Gewicht: 1.915 g
Preis: 699,99 Euro
Bezug bei Modellbau Lindinger
Tel.: 0043/7582/81313
www.lindinger.at


Ernst Keplinger ist Gyrocpter-Profi durch und durch - und ein ganz sympathischer obendrein


Das große Scalemodell ist durch beeindruckende Showflüge an zahlreichen Flugtagen bekannt


Die Holzteile des Bausatzes sind sauber gefräst und passen perfekt


Das Zubehör wird von Lindinger als Komplettset angeboten, während die mechanischen Teile sauber sortiert und beschriftet geliefert werden


Der Innenausbau des Rumpfes nimmt alle Servos, den Flugakku und die Regler auf


Die Mechanik des Hauptrotors wird aus gefrästen CFK-Teilen aufgebaut. Das große Hauptzahnrad hat einen Freilauf


Der GFK-Rumpf ist sehr leicht und bedarf noch ein wenig der Nacharbeit, insbesondere was die Ausfräsungen betrifft


Fahrwerke montiert, Innenausbau platziert und das Ganze lackiert - sieht schon fast komplett aus


Der Heckausleger wird reversibel eingeschoben und mit diesem Bauteil fixiert


Der Motor zum Andrehen des Rotors sitzt direkt an der kippbaren Mechanik


Das Seitenruder wird über zwei Seilzüge angelenkt


Gyrocopter dieser Bauart sind leider noch viel zu selten zu sehen auf den heimischen Modellflugplätzen


Ernst Keplinger und eines seiner ersten "Smart-Gyro"-Modelle beim gemeinsamen Fliegen


Das Flugbild ist schon etwas ganz Besonderes. Dazu stelle man sich jetzt noch das Laufgeräusch der Rotorblätter vor


Durchaus wendig und flott lässt sich der "Smart-Gyro" fliegen



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