|
Als ambitionierte
Hangflieger faszinierte uns Dynamic Soaring (kurz: DS) nun schon seit
fünf Jahren. Die ersten schnellen DS-Flüge absolvierten wir
2003 mit normalen F3B-Modellen. Durch die enorm hohen Geschwindigkeiten
stießen wir allerdings bald an die Grenzen der Modelle.
Auf der Suche nach einem dafür geeigneten Modell fiel die Wahl
dann auf den NYX-F3F mit 2,8 m Spannweite und 55 qdm Tragflächeninhalt,
hierzulande im Vertrieb von Pollack Modellbau. Gemeinsam mit Gerhard
Pollack wurden zahlreiche Versteifungsmaßnahmen an der CFK-Version
besprochen und umgesetzt. Das Abfluggewicht stieg damit auf 3,1 kg an.
Zusätzlich kann der CFK-Flächenverbinder mit bis zu 1.000
g Blei beladen werden.
Aus Festigkeitsgründen wurde auf ein Seitenruder verzichtet. Dennoch
hatten wir die Kräfte, die bei den extremen Geschwindigkeiten auftreten,
unterschätzt, zumindest was den Rumpf betrifft. So brach im Januar
dieses Jahres eine Rumpfspitze im Bereich der Haube bei einer Wende
mit über 300 km/h in der Luft einfach ab. Zum Glück überstand
der Flügel den Absturz weitgehend unbeschadet. Daraufhin wurde
der Rumpf massiv mit CFK-Rovings verstärkt. Auch die Servos sind
mittlerweile im Flügel mit Ober- und Unterschale verklebt, da sie
sich immer wieder lockerten und das daraus resultierende Ruderflattern
bei den hohen Geschwindigkeiten nicht gerade angenehm ist.

Der Aufbau des Nyx durch Bernhard Thurner und Dietmar
Metz
Am 9. Mai war es so weit: Wir
befanden uns auf dem Flug von Frankfurt nach Manchester, begleitet von
einer Kiste mit fünf Modellen. Am selben Mittag flogen wir bereits
am Rushup Edge im Peak District, einem Wahnsinns-Nord/Südhang mit
einer Kante von ca. 1 km Länge. Die Windverhältnisse waren
vielversprechend und sollten sich noch täglich verbessern. Dass
es sich hier gut fliegen lässt, hatte sich wohl auch bei den Paragleitern
herumgesprochen. Die vielen Schirme an der Kante oder in großer
Höhe störten unsere Rückraumaktivitäten allerdings
nicht. Am Abend beschlossen wir, am nächsten Tag zum Brecon Beacons
Nationalpark in Südwales zu fahren. Thomas Merzhäuser hatte
uns diesen Tipp gegeben.
Eine gute Entscheidung, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen
sollte, denn in fast 20 Jahren Modellsegelflug haben wir beide noch
nie ein derartiges Traumgebiet gesehen: Grasgrüne, unbewachsene
und supersteile Hänge und Kessel in jeder Himmelsrichtung, zum
Teil viele hundert Meter hoch, mit langen und scharfen Kanten und Spitzkämmen.
Lediglich der benachbarte Parkplatz mit zuführender Straße
ist noch nicht angelegt also mussten die Wanderstiefel geschnürt
werden. Dann folgten wir einem Hinweis von www.dynamic-soaring.co.uk
und bestiegen den Skirrid, einen 486 m hohen Ost- und Westhang. Ein
fantastischer DS-Hang nur der Sturm fehlte. Am Donnerstag begaben
wir uns auf Erkundungstour und erwanderten den höchsten Gipfel
der Brecon Beacons, den 886 m hohen Pen y Fan. Dann am Nachmittag, nach
sechs Wanderstunden: Der DS-Hang, ca. 2 km südlich
des Pen y Fan. Mit schmalem Spitzkamm in Nord/West-Süd/Ost-Verlauf,
beiderseits ca. 30-40° steil und mit gut 250 m Hanghöhe, zudem
bis auf Gras völlig unbewachsen. Die für DS nutzbare Hangbreite
beträgt ca. 500 m. Hier wurde der Nyx seinem Element
übergeben. Um es kurz zu halten: So etwas haben wir noch nicht
erlebt. Leider fehlten Radarpistole und Ballast. Das Ziel für den
nächsten Tag, für den 50-60 km/h Wind gemeldet waren, in Böen
bis 80 km/h, stand also fest.
|

Bernhard
Thurner mit Radarpistole und Digitalkamera im Schutzbereich

Der Nyx
erwies sich als ideales DS-Modell bei unseren Flügen in England
Diesmal wanderten wir auf
direktem Weg und parkten bei einem Wasserreservoir. Knapp zwei Stunden
waren wir trotzdem unterwegs, an einer steilen Rinne führt
nämlich kein Weg vorbei. An der Kante zu laufen war diesmal
unmöglich, wurde man doch sprichwörtlich weggeblasen.
Die Windrichtung stimmte genau und auch die am Morgen tief hängende
Wolkendecke stieg langsam auf ein vernünftiges Niveau an. Nach
ausgiebigen Vorbereitungen, unter anderem mit Aufballastieren auf
4 kg und dem Sichern der Haube mit Klebeband, ging es los:
Erster Kreis mit 157 mph, der Kommentar des Radarpistolenhalters:
Ich krieg dich gut gemessen. Dann 177 mph und 10 sec.
später der Ausruf: Ich krieg dich nicht mehr gemessen!
Es war klar, dass weniger das Fliegen hoher Geschwindigkeiten als
das Messen problematisch werden sollte. Nach wenigen Runden kreiste
der Nyx mit über 200 mph. Länger fliegen als
fünf Minuten entspricht ca. 300 Wenden war vor
Anstrengung und Kälte nicht möglich. Wie gut, dass ein
zweiter Pilot bereit stand und übernehmen konnte. Nach einigen
Versuchen fanden wir die optimale Bahn und flogen: 197, 192, nicht
messbar, 221, 194 und 220 mph 356 km/h!
Es wäre bestimmt noch mehr drin gewesen, aber wegen einsetzender
Thermik, Turbulenzen und nachlassender Konzentration sowie Freude
über die geflogene Geschwindigkeit und einen heil gelandeten
Flieger traten wir glücklich den Rückmarsch an. Dies war
auch gut so, wie sich im Nachhinein herausstellte: Der Empfängerakku
mit 2.800 mAh Kapazität war in den 45 Minuten fast leer geflogen.
Wieder zu Hause angekommen wollen wir den hinteren Teil des Rumpfes
weiter versteifen, um noch schneller fliegen zu können. Denn
bei den hohen Geschwindigkeiten machte sich eine Tendenz zur Schwingung
bemerkbar. Aber eines ist klar: Es war bestimmt nicht unser letzter
Ausflug nach Wales.
Bernhard Thurner
Dietmar Metz
Info:
Dynamic Soaring
(DS) ist eine besondere Hangflugtechnik, bei der das Segelflugzeug
unter Ausnutzung von Windscherungen, wie sie zum Beispiel an Dämmen
entstehen, und Massenträgheit extrem beschleunigt wird. DS wurde
von dem Amerikaner Joe Wurts vor ungefähr zehn Jahren entdeckt
und entwickelte die Flugtaktik kontinuierlich weiter. Eine genaue
Beschreibung der Flugtechnik kann in AUFWIND
2/1999 und im Internet unter www.dynamic-soaring.de
nachgelesen werden.
|