TECHNIK

16 Jahre Werkstatt

Ein „Grunau Baby IIb“ im Eigenbau

 

„ARC“, „ARF“, „RTF“ und viele weitere der kryptischen Abkürzungen sind uns in der heutigen Flugmodellbauwelt geläufig. In den vergangenen Jahren haben in Fernost gebaute Modelle den Markt erobert und die Zeit, die man mit dem Modell in der häuslichen Werkstatt verbringt, enorm verkürzt. Dies hat natürlich seine Reize. Denn wer kann schon im-mer der Versuchung widerstehen, das Modell seiner Wahl in kürzester Zeit flugfertig in die Luft zu schicken? Und das alles meist zu einem recht moderaten Preis.
     Eine weitaus größere Herausforderung stellen dagegen Modellbauten nach Bauplan dar. Hier hat der Modellbauer in zahlreichen Werkstattstunden Zeit, eine intensive Bindung zum Modell aufzubauen. Dabei zählt mehr der ideelle Wert als der finanzielle Aufwand. Die selbst erstellten Modelle sind immer etwas Einzigartiges und der Erbauer kann davon ausgehen, ein exklusives Modell geschaffen zu haben, das nicht in großen Mengen an den Flugplätzen anzutreffen ist. Die Arbeitsstunden als Aufwand berechnen darf man dabei natürlich nicht. Ganz nach dem Motto: „Der Weg ist das Ziel“, kann der Bau eine Bereicherung des Alltags und lehrreiche Erfahrung für jeden Modellbauer darstellen. So wie bei dem hier vorgestellten „Grunau Baby IIb“.
      Das „Grunau Baby“ gilt heute mit über 5.000 hergestellten Einheiten als das meist gebaute Segelflugzeug aller Zeiten. Der Konstrukteur Edmund Schnei- der entwickelte 1931/32 die erste Version, der noch zahlreiche weitere folgen sollten. Der bekannteste Typ mit der größten produzierten Stückzahl war die Version „IIb“. Das Flugzeug galt bereits in den 30-er Jahren als ideales Schulungsgerät mit gutmütigen Flug- eigenschaften. Ein Dauersegelflugweltrekord 1933 mit über 36 Stunden Flugzeit war natürlich beste Werbung für die Leistungsfähigkeit. Eine Gleitzahl von etwa 17 bei einer zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h waren damals beachtliche Werte. Bis heute fliegen zahlreiche „Grunau Baby“ in verschiedenen Ländern. Die Konstruktion ist auf möglichst einfache Bauweise mit wenigen Rundungen und geringes Gewicht optimiert. Gutmütige Flugeigenschaften des Vorbildes und dessen einfacher Aufbau lassen sich sehr gut auf ein Modell übertragen und führen den Geist des Holzflugzeugbaus der 30-er Jahre fort.
     Da das „Grunau Baby“ auch für viele Flugmodellbauer als der Inbegriff des Segelflug-Oldtimers gilt, bietet der Markt auch verschiedene Varianten. Am bekanntesten dürften sicherlich die von Karl-Heinz Denzin konstruierten Modelle von Krick sein, deren Bau- sätze seit vielen Jahren in zwei Größen (1:6 und 1:4) angeboten werden. Als Bauplanmodell konstruierte Arthur Mackenroth ein „Grunau Baby IIb“ im Maßstab 1:4,5 mit rund drei Metern Spannweite. Über dieses Modell wird hier berichtet:
     Eine besondere Baugeschichte mit 16 Jahren Bauzeit? Nicht ganz, eigentlich waren es zwei Winterhalbjahre in der Werkstatt mit 15 Jahren Pause da- zwischen. Auch in einer sonst idealen Vater-Sohn-Modellflugsymbiose gibt es unterschiedliche Präferenzen, was die Vorbilder der Flugmodelle angeht. Der Senior, ein geschickter Holzmodellbauer von Kindesbeinen an, zeigte von je her Begeisterung für die klassische Holzbauweise. Sein Auge fiel daher schnell auf den vorbildgetreuen Bau des „Grunau Baby“. Der Junior frönte seinen jugendlichen Adrenalin-Bedürfnissen lieber mit „heißen“ Modellen wie „Me-163“, „Me-262“ und „F-104 Starfighter“ oder gar beim Gleitschirmfliegen. Den „Holzspreißel-Tick“ des Vaters konnte er noch nicht richtig nachvollziehen. Leider kam es krankheitsbedingt nicht zur Fertigstellung des Modells. Das halbfertige „Grunau Baby“ verschwand in der hintersten Ecke des Dachbodens, wo es viel Dreck, Staub und leider auch einige Beschädigungen einfing.
      15 Jahre, zahlreiche Umzüge und die Familiengründung des Juniors später: Mittlerweile auch zum Holzwurm mutiert erinnerte er sich an den Holz-Oldtimer. Das „Grunau Baby“ war inzwischen in einem erbarmungswürdigen Zustand. Total verdreckt mit etlichen Bruchstellen. Besonders negativ fielen die Rückstände vom Klebeband auf den Tragflächen auf. Der Kleber hatte sich abgelöst und war tief in das Balsaholz eingedrungen. Erst mit Terpentinersatz konnte dieses Problem später gelöst werden. Restauration und Weiterbau des Modells wurden trotzdem leidenschaftlich in Angriff genommen. Da der Junior das handwerkliche Know-how vom Vater in vielen gemeinsamen Werkstattstunden erlernt hatte, war auch der Bauplan mit Schwierigkeitsgrad 4 („Modellbauer mit fundierten Kenntnissen“) kein Problem.
     Die zweiteilige Tragfläche weist an den Außenflügeln und den aufwändig gebauten Querrudern eine deutliche Schränkung auf. Der durchgehend genaue und gut verständliche Bauplan erläutert die einzelnen Fertigungsschritte dazu sehr detailliert. Das Modell ist wie das Vorbild mit Flächenstreben ausgeführt. Allerdings ist die Verbindung von Rumpf zu den Tragflächen von Arthur Mackenroth konstruktiv mit zwei 6-mm-Stahldrähten so stabil ausgeführt, dass das Modell im Gegensatz zum Original auch freitragend geflogen werden könnte. Die 4-mm-Gewindestangen in den holzverkleideten Flächenstreben geben dem Flugzeug zusätzliche Stabilität, sodass auch ein Start an der Winde mit gutem Gewissen erfolgen kann. Die Landeklappen wurden bei älteren Modellen oft mit einem zentralen Servo im Rumpf angelenkt. Da es heute aber günstige und kräftige Flächenservos gibt, ersparte ich mir die mechanischen Umstände und montierte für jede Landeklappe ein Servo zusätzlich in die Tragflächen. Abschließend wurde der Rumpf farblos lackiert und die Flächen und Leitwerke mit „Oratex Antik“-Gewebefolie bespannt. Als großen Vorteil der jahrelangen Lagerung im Speicher hat sich die dunkle Verfärbung des Balsaholzes herausgestellt: Müssen viele Oldtimersegler künstlich gealtert werden, so ist diese Art der natürlichen Alterung am Dachboden nun wirklich absolut vorbildgetreu.
      Die Bauplanangabe des Fluggewichts von 2,5 Kilogramm wurde nicht erreicht, mein „Grunau Baby“ wiegt mit deutlicher Bleizugabe etwa 3,1 Kilogramm. Dies auf den Staub der Jahre zu schieben fällt mir leichter als zuzugeben, dass die Leitwerke wohl recht schwer geraten sind.
    


 


In gewissermaßen zweiter Familiengeneration fliegt das „Grunau Baby“, das nach 15 Jahren auf dem Speicher reanimiert wurde.


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Es ist vor allem dieses Flugbild mit den durchscheinenden Tragflächen, das Jung und Alt begeistert.


Im F-Schlepp lässt sich so ein Scalemodell am bequemsten und sichersten starten.


Von Oldtimern geht eine ganz eigene Eleganz aus, die sich mit den modernen Leistungsflugzeugen nicht vergleichen lässt.

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Dank der gut wirkenden Landeklappen sind Landungen auf engstem Raum möglich.

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Das Bauplanmodell im Maßstab 1:4,5 und ein Krick-„Grunau Baby“ im Maßstab 1:6.

Fakten

„Grunau Baby IIb“ Eine Konstruktion von Arthur Mackenroth

Spannweite:         3.020 mm
Rumpflänge:         1.380 mm
Fluggewicht         3.100 g
Flügelprofil:       NACA 4412 mod.
EWD:                2,6 Grad

Ein erfahrener Schlepp-Pilot brachte dann das Modell zum Erstflug souverän auf Höhe. Ruhig und gleichmäßig zog das „Grunau Baby“ von Beginn an seine Bahnen. Auch das Überziehverhalten erwies sich wie erwartet gutmütig. Die Gleitleistung ist natürlich eher vorbildgetreu und nicht mit aktuellen Hochleistungsseglern zu vergleichen. Das minimale Sin- ken ist dagegen für ausgedehnte Thermikflüge gut geeignet. Am saubersten kurvt das „Grunau Baby“ mit gemischten Querruder- und Seitenruderausschlägen. Die Wirkung der Störklappen ist hervorragend und erleichtert die Landung, obwohl bei dem nicht allzu hohen Gleitwinkel des Modells auch Landungen ohne gesetzte Klappen einfach zu bewerkstelligen sind.
     Am eindrucksvollsten ist bei diesem Oldtimer das Flugbild, wenn die transparenten Tragflächen den Rippenaufbau genau zu erkennen geben. Jeder, der den sonnendurchfluteten Flügel vom Boden aus betrachtet, wird von der Schönheit und Eleganz der Erscheinung in den Bann gezogen und bewundert das zeitlose Erscheinungsbild des „Grunau Baby“.
     Was mir nach 16 Jahren Baugeschichte und erfüllten Flügen bleibt, ist die Überzeugung, den Modellbau wieder einmal richtig ursprünglich erfahren zu haben. Ein komplett selbst gebauter individueller Holz-Oldtimer kann eine modellbauerische tiefe innere Befriedigung schaffen. Die Holzsegelflugzeuge der 30-er Jahre bieten dazu weitere interessante Vorbilder, um sich kreativ zu entfalten. „Zurück zu den Wurzeln“ kann daher auch in der heutigen oft schnelllebigen Modellflugwelt ein sehr lehrreiches und spannendes Motto sein.

Stefan Maß

 



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