REPORTAGE

GPS-Szene

Der Chocofly-Racing-Cup" in Sportklasse


22 Teilnehmer kamen im August nach Neresheim, darunter auch einige neue Gesichter in dieser Klasse

Auch 2021 musste infolge der Corona-Restriktionen die geplante erste GPS-Triangle-WM der Sport- klasse abermals abgesagt werden. Daniel Aeberli und sein Chocofly-Team haben deshalb ein Ersatzprogramm auf die Beine gestellt. Philip Kolb berichtet.

Für die erste Weltmeisterschaft der GPS-Triangle Sportklasse waren 39 Piloten aus sieben Nationen angemeldet. Vielen stand nach der neuer- lichen Absage die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben: ein langes Training, das Einstellen der Modelle und jede Menge Energie in die Vorbereitung gesteckt. Bevor all dies einfach "verpuffen" würde und der Urlaub ohnehin eingeplant war, dachte sich Daniel Aeberli kurzerhand ein Ersatzprogramm aus: Einen dreitägigen Wettbewerb um möglichst viele Flüge zu absolvieren und um sich unter geltenden Hygieneregeln wenigstens zum Erfahrungsaustausch zu treffen. Sicherlich konnten nicht alle zur WM angemel- deten Piloten antreten. Doch für diejenigen, die keine Flugreise oder Quarantäneregularien berücksichtigen mussten, war dies eine willkommene Veranstaltung.

Vom 16. bis 18. August hatte die Segelfluggruppe Neresheim das wunderbare Segelfluggelände zur Verfügung gestellt. 22 Piloten hatten ihre Teilnahme zugesagt. Wer Daniel Aeberli kennt, weiß Bescheid, dass er immens großes Organisationstalent an den Tag legen kann und immer die richtigen Unterstützer und Helfer zur Hand hat - so auch in diesem Fall! Kurzerhand wurden Pokale erstellt (lasergeschnittene Metallflugzeuge in der Silhouette eines GPS-Sportklassemodells), T-Shirts und Pullover bedruckt und die komplette Anmelderoutine über www.gps-triangle-league.net erstellt. Selbst das Catering zur Verpflegung der Piloten über die drei Tage wurde fabelhaft organisiert.

Aufgrund der coronabedingten, langen Wettbewerbspause wurde dieses Ersatzprogramm von den Piloten dankend angenommen. Sogar Anmeldungen von Neueinsteigern konnten auf der Anmeldeliste verzeichnet werden. Marco Cantoni aus der Schweiz ist dort seit Jahren fester Bestandteil des F5B-Kaders. Er kam nach Neresheim um auch einmal in der GPS-Triangle- Sportklasse "Luft zu schnuppern". Michael Kreß ist bisweilen sehr erfolgreich im F5J-Zirkus vertreten und hat es schon zu Weltmeisterehren in der Deutschen Jugend-Nationalmannschaft gebracht. Auch er wollte sich dem Reiz des Neuen nicht widersetzen und konnte dank Leihflugzeug das Dreiecksfliegen in der Sportklasse für sich erproben. Jürgen Kassner und Hans Peter Bell folgten dem Aufruf zur Anmeldung, um nach langen dezentralen Online-Flügen auch bei einem zentralen Wettbewerb dabei zu sein. Auch sie wollten Erfahrungen sammeln und sich mit vielen Piloten vor Ort austauschen.

Um diesen Erfahrungsaustausch optimal zu gestalten und den Neupiloten einen möglichst steilen Lernerfolg zu bescheren, loste Daniel Aeberli ab dem zweiten Wettbewerbstag die Teams so zusammen, dass immer ein erfahrener GPS-Triangle-Pilot mit einem Neuankömmling fliegen konnte. Tipps, Tricks und Kniffe bei der Wettbewerbstaktik, der Flugplanung und -gestaltung sowie der Einstellung der Modelle wurden dabei "pädagogisch wertvoll" an die Rookies vermittelt.

Sehr erfreulich war auch, dass ein weiterer Neuling im GPS-Triangle-Zirkus den langen Weg aus Kärnten auf sich genommen hat: Thomas Leitgeb fliegt vorrangig F3F und baut seine Modelle komplett selbst in eigenen Formen. Für die Sportklasse hat er keine Mühen gescheut und zwischen die eigentlichen Tragflächen seines F3F-Modells ein etwa 1,2 Meter großes Mittelstück konstruiert und gebaut. So entstand auf Basis eines "Elvira"-Rumpfes von PCM ein tolles Sportklasse-Modell, das vor allem im Speedflug einen außerordentlich guten Eindruck hinterließ.

Lediglich das berüchtigte Sommerwetter 2021 zeigte sich von seiner wechselhaften Seite. Den angereisten Teilnehmern wurde schnell klar, dass sie in den folgenden drei Tagen mit großen Herausforderungen zu rechnen hatten. Pünktlich zu Beginn des Wettbewerbs floss dann auch kalte Polarluft nach Deutschland, die für die Jahreszeit deutlich zu tiefe Temperaturen, ordentlich starken Wind aber auch hohe Labilität mit sich brachte. Der "explosive" Mix aus Steigen, Sinken und Wind war der Garant für spannende Luftrennen.

In den ersten Runden des Tages konnten bei den windigen Bedingungen und der noch schwa- chen Thermik zwischen drei und fünf Dreiecke erflogen werden. Nachdem gegen Mittag die Thermik deutlich stärker wurde, begannen die eigentlich spannenden Flüge mit bis zu neun Dreiecken. Aufgrund des starken Windes waren wohl alle Modelle bis auf die maximal erlaubte Flächenbelastung von 75 Gramm/Quadratdezimeter aufballastiert. Dennoch war es mitunter immens schwierig, durch Abwindfelder gegen den Wind zu fliegen. Diese Bedingungen waren ehrlicherweise am besten mit dem Begriff "Rock ´n Roll" zu bezeichnen und die Differenzierung bei den Ergebnissen nahm ihren Lauf. Manche Teilnehmer sahen sich nach gutem Flug nach vier bis fünf Dreiecken am Boden. Für einen Tausender musste man jedoch fast neun Dreiecke absolvieren. Zeitpunkt und Ort, wann und wo man einen der durchziehenden Thermikschläuche erwischte, waren von entscheidender Bedeutung. Keiner der Teilnehmer kam ungescho- ren davon, sodass letztendlich die Ergebnisse sehr nahe beieinander lagen. Dies trug selbstverständlich noch weiter zur Spannung dieses Wettbewerbs bei.

Das Fluggelände in Neresheim liegt an einem Hang, auf dem die Startbahn entlang des Hanges verläuft. Seitlich zur Startbahn fällt das Gelände in ein Tal ab, mit einem noch höheren Gegenhang. Während des Wettbewerbs blies der Wind quasi immer nahezu entlang des Tals, ab und an mit leicht schräger Richtung auf den Gegenhang. Diese Topographie und die Tatsache, dass sich in diesem Tal ein Wäldchen und viele einzelne Bäume befinden, begünstigt die Bildung von Thermikblasen, da der Wind deutlich schwächer durch, als über das Tal hinweg bläst. Hin und wieder löst sich daraus eine Thermikblase und steigt dann am gegenüberliegenden Hang hinauf. Oft konnten Modelle in relativ niedriger Höhe eine dieser Blasen "mitnehmen" und wieder am Gegenhang "hinaufschleichen" - allerdings eben mit gehörigem Windversatz. Das waren alles andere als klassische Hangflugbedingungen.

Um diese sehr selektiven und für den Piloten herausfordernden Bedingungen ein wenig graphisch darzustellen, gibt es ein Flugaufzeichnungsdiagramm eines markanten Fluges von Holger Genkinger. Sehr gut sieht man dabei, wie lange Holger in relativ niedriger Höhe immer wieder versucht einen "ordentlichen Bart" anzuschneiden, bis er die erwünschten Steigwerte gefunden hatte und diese in Höhe umsetzen konnte. Der Windversatz ist hier sehr deutlich. Teilweise war das Modell über einen Kilometer weit vom Pilotenstandpunkt entfernt.

Vor allem für die "Rookies" war dieses Wetter besonders herausfordernd. Doch keiner der Neuankömmlinge gab hier klein bei. Viele der "alten Hasen" staunten nicht schlecht über die großen Ambitionen, die hier an den Tag gelegt wurden. Jürgen Kaßner aus Erlangen brachte es sehr treffend auf den Punkt, als er sagte, dass man den Lernerfolg dieser drei Tage des Chocofly Racing Cups auf dem Vereinsgelände nicht in einem Jahr Training erzielen könnte.

Am Dienstag erwartete die Teilnehmer dann ein etwas ruhigerer, außerordentlich thermikstarker Tag. Die Luftmasse war etwas trockener als am Vortag und heizte so schon früher auf, was die Steigwerte deutlich positiv beeinflusste. Rennen mit 15 und gar 16 Runden - über weite Teile des Fluges nur geradeaus geflogen - brachten nicht nur für die Teilnehmer Flugfreude pur! Auch die Zuschauer am Platz waren begeistert. Die Bedingungen blieben dennoch sehr selektiv. So waren nach wie vor starke Differenzen in den Resultaten zu beobachten. Keiner der Teilnehmer konnte hier mit durchwegs guten Flügen aufwarten, sodass die Ergebnisse von Durchgang zu Durchgang ebenso durchgewirbelt wurden, wie die Modelle in der Luft. Dies machte die Gruppe der Favoriten auf den Sieg groß und die Rangreiherfolge blieb bis zum letzten Flug spannend. Am Dienstagabend nahm die Windgeschwindigkeit deutlich ab. Nun konnten glück- licherweise bei sehr konstanten Bedingungen zwei Speedflug-Durchgänge geflogen werden. Die Startreihenfolge wurde abermals so gewählt, dass auch hier die Newcomer jeweils Hilfe von erfahrenen Piloten bekamen. Die höchsten Geschwindigkeiten bewegten sich hierbei im Bereich von 145 bis 150 Stundenkilometer für die Umrundung eines Dreiecks, die Speed-Tausender gingen in beiden Fällen an Philip Kolb.

Der dritte Tag des Wettbewerbs konnte nach längerer Wartezeit gegen 11:30 Uhr gestartet werden, nachdem sich tiefe Stratusbewölkung auf "fliegbare Höhen" angehoben hatte. Die Bedingungen waren nicht wesentlich anders als an den Tagen zuvor. Daniel Aeberli hatte sich für die letzte Runde eine Besonderheit ausgedacht. Diese wurde im Flyoff-Modus geflogen: die bis dahin zehn bestplatzierten Piloten in einer Gruppe und die zweitbesten zehn in der anderen flogen gegeneinander. Dies war ein faszinierendes Novum und die Spannung um den Wettbewerbssieg blieb bis zum Schluss aufrechterhalten. Philip Kolb flog hier ein Dreieck mehr als Daniel Aeberli und schob sich somit in der Wertung noch knapp an Daniel vorbei. Andreas Kunz konnte sich den dritten Platz vor Holger Genkinger sichern. Alles in allem waren sich die Beteiligten einig: Der Chocofly Racing Cup war einfach spitze! Erstklassige Organisation, fantastisches Flugfeld und wirklich herausfordernde Bedingungen machten diesen Event für alle zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Die Palette der derzeitigen Modelle zeigt, dass sie wahre Alleskönner sind. Aufgrund der Aufgabenstellung im Wettbewerb müssen sie nämlich sowohl sehr effizient und einfach kurbeln können, und auch im Speedflug sehr gut und vor allem schnell gleiten. Momentan sind die drei meist vertretenen Modelle der "Appollo 46" von Chocofly sowie der "DNA-racer" und der "Calvados" von Baudismodel. Der "Appollo 46" hat als einziges dieser Modelle einen zweiteiligen Rumpf, was sowohl den Transport vereinfacht, als auch die Option zwischen Kreuz und V-Leitwerk offenlässt. Mit 4,6 Meter Spannweite liegt er von der Größe her zwischen dem "DNA-racer" (5.000 mm) und dem "Calvados" (4.356 mm). Der Tragflügel ist dreiteilig als Sechs-Klappenflügel ausgelegt, die Auslegung stammt aus der Feder von Benjamin Rodax. Auffällig war in Neresheim, dass die "Appollo"-Piloten teils mit unterschiedlichen V-Form-Verbindern an den Start gingen. Auch hierbei zeigt sich das Modell sehr variabel, und auch, dass es mit der größeren V-Form deutlich besser zu kreisen scheint. Josef Mögn hat dies in zwei eindrucksvollen Flügen bei schwacher Thermik am Abend unter Beweis gestellt. So flog er beispielsweise aus ge- ringer Höhe minutenlang bei starkem Wind von einem Minibärtchen zum nächsten, um vier Dreiecke mehr zu fliegen als die Konkurrenz.

Der "DNA-racer" von Baudis gehört zu den größten GPS-Sportklassemodellen. Vor allem im zügigen Streckenflug hat er seine besondere Stärke. Bei Wetterlagen mit geringem Kurbelanteil ist er damit nur schwer zu schlagen. Der "Calvados" ist ein sehr gutes Allroundmodell, das sowohl einfach zu fliegen ist, als auch ein sehr weites Leistungsspektrum bietet. In Neresheim fiel vor allem das Speedflugpotential des "Calvados" positiv auf, mit dieser Konstruktion wurden beide Speedflug-Durchgänge gewonnen. Im Grunde sind momentan diese drei Konstruktionen immer auf den vorderen Plätzen in der Sportklasse zu finden, aber auch Eigenbauten, wie der angesprochene F3F-Umbau von Thomas Leitgeb kommen erfolgreich zum Einsatz. Sehr oft sieht man Modelle aus der "Avanti"-Reihe von Chocofly, einen "Chilli" von Valenta oder den "Shark-XL" vom Logo-Team - auch wenn dieser schon etwas in die Jahre gekommen ist.

Letztendlich ist für einen erfolgreichen Einstieg in das GPS-Triangle-Fliegen aber nicht das Modell entscheidend. Auch mit Modellen wie einer "Alpina" oder einem "Vortex" mit Styro-Abachi-Tragflächen können erste Erfahrungen gemacht und das vorrangig wichtige "Fliegen mit Navigation" erlernt werden.

Für alle, die die hervorragende Atmosphäre bei einem GPS-Triangle-Sportklasse Wettbewerb einmal erleben möchten, bleibt mir der Hinweis auf die GPS-Triangle-Homepage. Hier finden sich alle wichtigen Informationen, Terminpläne und auch die Möglichkeit sich für ein Event anzumelden: www.gps-triangle.net. Auch kann ich das professionelle Video der "Peter-Brothers" vom hier beschriebenen Wettbewerb empfehlen: https://youtu.be/XiQg2nkcAFk.

Ich hoffe für das Jahr 2022, dass wir weniger Restriktionen erleben werden, die geplante Sportklasse-WM endlich stattfinden kann und wir auch über Ländergrenzen hinweg wieder zu so fantastischen Veranstaltungen wie diesem Chocofly-Racing-Cup reisen können.

Philip Kolb
Bilder: Manuel Peter


Pilotenbriefing am Morgen. Der Himmel und der Windsack resümieren das Wetter


Eine gut ausgebildete Wolkenstraße am zweiten Wettbewerbstag direkt über dem Fluggelände bescherte Flüge mit bis zu 16 Dreiecken


Team "Berlin-Brandenburg" mit Randolph Brömer und Axel Freiberg. Beide kommen vom F3B-Sport und haben sich in den letzten zwei Jahren den Weg in die GPS-Triangle-Sportklasse geebnet. Randolph hält derzeit den "Sportklasse-Rekord" mit 22 Dreiecken


Das selbstgebaute Sportklasse-Modell von Thomas Leitgeb (AUT) entstand aus einem F3F-Modell und beschleunigt ganz hervorragend im Speedflug. Hier zu sehen nach dem Ziellinienüberflug.


Konzentration in der Pilotenbox. Andreas Kunz kämpft sich gerade wieder am gegenüberliegenden Hang hoch


Die Sieger des "Chocofly Racing Cup 2021" (von links): Daniel Aeberli (2.), Philip Kolb (1.) und Andreas Kunz (3.)


Marco Cantoni startet den "Calvados" von Philip Kolb


Josef Mögn mit dem V-Appollo 46 von Andreas Kunz


GPS-Impressionen aus der Box


Daniel Aeberli (links) hat den Wettbewerb nicht nur organisiert, sondern ist auch sehr erfolgreich mitgeflogen




Das Diagramm eines markanten Fluges von Holger Genkinger zeigt sehr gut, wie lange Holger in relativ niedriger Höhe immer wieder versucht einen "ordentlichen Bart" anzuschneiden, bis er die erwünschten Steigwerte gefunden hat



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