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"SF-27M" von Schambeck

Der (fast) vergessene Motorsegler


Der "SF-27M", hier das Flugzeug von Rainer Cronjäger, war 1967 das erste in Serie gebaute Segelflugzeug mit Klapptriebwerk. Foto: Derek Heley

Die "SF-27M" - die motorisierte Version des 1964 erstmals geflogenen Segelflugzeugs - war mit einem Klapptriebwerk ausgestattet und damit 1967 eine Sensation. Das neue Modell im Maßstab 1:2,5 von Florian Schambeck ist Grund für Philipp Gardemin, sich genauer mit dem Flugzeug zu beschäftigen.

Das Segelflugzeug "SF-27" gilt als Weiterentwicklung der "Zugvogel"-Reihe, die kein Geringerer als Rudolf Kaiser bei Scheibe-Flugzeugbau konstruierte. Als Konkurrent zur populären "Ka-6e" wurden etwa 120 Stück der "SF-27" gebaut. Die Bauweise war zeitgemäß und bewährt zugleich: ein Stahlrohrumpf, im Vorderteil mit GFK verkleidet, sowie in Rippen aufgebaute Tragflächen und Leitwerke. Die motorisierte Version "SF-27M" mit 15 Meter Spannweite war der ers-te in Serie gebaute Motorsegler mit Klapptriebwerk­ - im Erstflugjahr 1967 eine Sensation. Im Wesentlichen unterscheidet sich die Motorseglerversion in einer geänderten Pfeilung der Tragflächen sowie einem geänderten Einbau des Landerades, um den Anstellwinkel am Boden zu erhöhen. Wie viele von diesem Flugzeug gebaut wurden, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. In Deutschland fliegen noch einige Ex-emplare in den Händen von Liebhabern.

Dipl.-Ing. Egon Scheibe gründete 1951 seine Firma Scheibe-Flugzeugbau in Dachau. Er steht für so bekannte und populäre Flugzeuge wie die "L-Spatz"- "Bergfalke"-Familie. Bereits Ende der 50er Jahre stellte Egon Scheibe das leichte Motorflugzeug "SF-23 Sperling" vor. Mitte der 60er Jahre stieg er dann voll und ganz in den Bau von Motorseglern ein. Der erfolgreichste Typ war und ist bis heute die "SF 25", den meisten Piloten besser bekannt als "C-Falke". Nach dem Tode von Egon Scheibe am 26. September 1997 übernahmen seine Schwiegersöhne das Unternehmen. Sie stellten den Betrieb der Scheibe-Flugzeugbau GmbH im Mai 2006 ein.

Rettung für das Lebenswerk von Egon Schei-be folgte in Person von Hartmut Sammet am Flugplatz Heubach, 50 Kilometer westlich von Stuttgart im Ostalbkreis. Er erwarb die Rechte für die Musterbetreuung der Segelflugzeuge und Motorsegler in Gemischtbauweise sowie die Rechte zur Herstellung des "C-Falke". Zudem übernahm Hartmut Sammet mit seiner neu gegründeten Firma Scheibe-Aircraft das komplette Archiv an Dokumentations- und Bauunterlagen aus Dachau. Er gründete außerdem die Interessengemeinschaft Scheibe Flugzeuge (www.ig-scheibe-flugzeuge.de), die sich dem Erhalt und Betrieb von Scheibe-Flugzeugen verschrieben hat.

Nicht minder viel Begeisterung für den Segelflug und zudem immer das Besondere im Blick, hat auch Florian Schambeck in Peißenberg. Zusammen mit seinem vierköpfigen Team steht er mit seinem Namen für den ganz besonders hochwertigen und leistungsfähigen Modellsegelflug und der entsprechenden Ausstattung. Seit 2004 ist Florian Schambeck - seines Zeichens gelernter Schreiner - mit seinem Unternehmen selbstständig. Es hat seinen Ursprung in der Entwicklung des bekannten Ausfahrtriebwerkes (kurz: AFT) für Großsegler.

Vor fast 20 Jahren nutzte Florian Schambeck seine Elternzeit, sich mit der Entwicklung des Triebwerks zu beschäftigen. Es stand der Plan im Raum, eine "eta" mit 14 Meter Spannweite zu bauen. Und für diesen Großsegler wurde ein Triebwerk gesucht. Zwei Jahre später, im Sommer 2003, war das Flugzeug noch immer nur ein Plan, das Triebwerk aber einsatzbereit. Ein "Nimbus" mit 10,6 Meter Spannweite fungierte als Testträger. Auch die selbst entwickelte, vollautomatisierte Regelelektronik war zu diesem Zeitpunkt etwas völlig Neues. Sie regelte alles mit nur einem Schalter: vom Ausfahren, über den Motorstart, dem Abstellvorgang und dem anschließenden Einfahren des Triebwerks. Die Mikroprozessorsteuerung wurde von Stephan Merz entwickelt. Mit der durchdachten Ein- und Ausfahrmechanik, dem nur kleinen Ausschnitt auf dem Rumpfrücken - so ganz anders als die bis dahin bekannten Klapptriebwerke - und dem Einblattpropeller mit dem markanten Laufgeräusch, begeisterte die neue Regelelektronik die Großsegler-Szene.

Dieses Ausfahrtriebwerk bildete die Grundlage für die Gründung und den Aufbau des heutigen Unternehmens mit nunmehr vier Angestell- ten. Das Ausfahrtriebwerk wird in verschiedenen Größen angeboten und treibt weltweit eine große Zahl von Segelflugmodellen an. Florian Schambeck - ganz der begeisterte Segelflieger - erweiterte in den Folgejahren konsequent sein Sortiment um ausgesuchtes Zubehör und vor allem Voll-GFK/CFK-Modelle. Dazu zählen zum Beispiel eine "ASH-25" (10,4 m; vgl. AUFWIND 6/2020), ein "Ventus 2cx" (6 m), eine "ASW-22" (8,3 oder 7,3 m) und mit der "Viper" (vgl. AUFWIND 5/2012) auch ein Elektroschlepper. Viele Modellbesitzer bringen ihre Schambeck-Gleiter in den Wintermonaten zum Service. Dann werden etwaige Ruderspiele minimiert, Kratzer und Beschädigungen in den Oberflächen instandgesetzt und auspoliert, die AFT- und Fahrwerksmechaniken geprüft und vieles mehr. Nicht wenige der Kunden fliegen gleich mehrere Modelle aus dem Hause Schambeck. Und weil solche Modelle auch sicher zum Modellflugplatz kommen müssen, gehört sogar ein Autoanhänger für den Modelltransport (vgl. AUFWIND 5/2018) zum Sortiment.

Dass man im Hause Schambeck auf Klasse statt Masse setzt, wird auch daran deutlich, dass lediglich an die 12-15 Modelle pro Jahr ausgeliefert werden. Fast alle Modelle werden auf Bestellung gefertigt. In Deutschland ansässige und langjährige Partnerunternehmen produzieren die GFK-Bauteile. Das Schambeck-Team betreibt einen mehrwöchigen Aufwand um jeweils ein Modell fertigzustellen. Dazu werden alle Teile veredelt und meistens werden komplett flugfertig ausgestattete Modelle ausgeliefert. Auch werden einige der GFK/CFK-Teile selbst produziert, so zum Beispiel der komplexe Einblattpropeller für die Triebwerke. Hier, so berichtet Florian Schambeck, kommt es sogar auf die Verteilung der exakt vorgegebenen Harzmenge über die Blattlänge an. Alles andere mache ein Auswuchten unmöglich.

Einer der meist verkauften Großsegler aus dem Schambeck-Sortiment ist der "Quintus" (vgl. AUFWIND 4/2018) mit 8,85 Meter Spannweite. Entwickelt wurde das Modell mit Philip Kolb. Der "krumme" Maßstab von 1:2,6 resultiert aus der Zielsetzung des Teams, ein optimal auf Hochleistung abgestimmtes Modell mit einem Fluggewicht von maximal 25 Kilogramm zu schaffen. Aufwändige Messungen haben ergeben, dass das Modell fast eine Gleitzahl von 1:40 aufweist. Zahlreiche Siegerplätze bei internationalen GPS-Wettbewerben sprechen zudem eine deutliche Sprache. Übrigens wurde Florian Schambeck 2019 mit einem "Quintus" selbst GPS-Weltmeister.

Betrachtet man nun den Modellpark an modernen Hochleistungs-Modellen, schaut man eventuell ein wenig verwundert drein: Mit der "SF-27M" im Maßstab 1:2,5 hat sich nun auch ein Klassiker der Segelfluggeschichte in das Sortiment eingeschlichen - mit GFK-Rumpf und Holztragflächen und -leitwerken zum Selbstbauen. Zugegeben, auch Florian Schambeck musste sich erst mit diesem Gedanken anfreunden. Schon länger zuvor machte sich ein engagierter Modellsegelflieger - der hier namentlich nicht genannt werden mag - an die Arbeit, einer "SF-27M" im Maßstab 1:2,5 zu konstruieren. Er trat an Florian Schambeck heran, um ihn als Anbieter für sein Modell zu gewinnen. Der ließ sich es sich nicht nehmen, die Entwicklung maßgeblich mitzubestimmen. Ein bisschen mehr V-Form für ein stabiles Kreisverhalten und eine geringstmögliche Profildicke für die Spannweite und Bauweise sind nur zwei der Punkte, die Florian Schambeck änderte. Flügel und Leitwerke wurden von Jo Schuster konstruiert und werden auch von ihm gefräst. Der voluminöse GFK/CFK-Rumpf (2,6 m lang) kommt aus deutscher Fertigung. Ausgestattet wird das Modell mit einem vorbildgetreuen Klapptriebwerk mit Lehner-Motor der 19-er Größe, Zweiblatt-Holzpropeller der Größe 22 Zoll und 10s-LiPo beziehungsweise 11s-LiIon. Der Rumpf wird ab Werk ausgefräst und mit einem CFK-Rahmen zum Einbau versehen. Innerhalb des Schambeck-Teams hat sich Manfred Klier dem Projekt gewidmet. Es soll die Serienreife erlangen.

Die Präzision, die sich durch das gesamte Schambeck-Sortiment zieht, wird ganz konsequent auch bei den Bausätzen für die Tragflächen und Leitwerke der "SF-27M" fortgesetzt. Erklärtes Ziel: der Modellbauer soll kaum noch was zu schleifen haben. So werden beispielsweise die mehrlagig aufgebauten Hauptholme aus Kiefer nicht geschäftet, aber in ihrer Länge überlappend verklebt. Die Beplankungen bestehen aus 0,4-mm-Sperrholz und werden am Stück geliefert. Lediglich bei den Tragflächen sind sie in der Länge mit einer Verzahnung geteilt. Aufgebaut werden die Tragflächen und Leitwerke in Negativ-Hellingen auf dem Rücken liegend, was einen verzugsfreien Aufbau gewährleistet. Verklebt wird alles idealerweise mit "Super Phatic"-Leim. Der ist so dünnflüssig, dass er - ähnlich wie Sekundenkleber - an die trocken zusammengefügten Bauteile gegeben wird und durch die Kapillarwirkung einzieht. Nur die große Tragflächenbeplankung wird mit dünn aufgespritztem und eingedicktem Langzeitharz aufgeklebt.

"Mein Ziel war es, ein richtig gutes Flugzeug zu schaffen", fasst Florian Schambeck die Modellentwicklung der "SF-27M" zusammen. Das Serienmodell Nr. 3 wird nun in der AUFWIND-Redaktion aufgebaut und in den kommenden Ausgaben ausführlich beschrieben.

Philipp Gardemin


Fakten

Ein Nachbau des "SF-27M"
Original und Modell im Vergleich

Maßstab 1:1 1:2,5
Spannweite 15 m 6 m
Länge 7,05 m 2,87 m
Gewicht max. 330 kg ca. 17 kg


In Bad Sobernheim hängt dieser "SF-27M" von Manfred Petry an der Hangardecke. Dies wird das Vorbild für das AUFWIND-Modell sein


Die Original-Dreiseitenansicht von 1966, mit freundlicher Genehmigung von Scheibe Aircraft


Manfred Klier (links) und Florian Schambeck gehen mit Begeisterung ran an das neue Modellprojekt


Tragflächen und Leitwerke werden als Frästeilesätze geliefert und in extra angefertigten Hellingen aufgebaut


Für das große Pendelhöhenruder entwickelte Manfred Klier eine spezielle Servoaufnahme. Gelagert wird das Höhenruder in Kugellagern mit GFK-Kulissen


Das Modell soll kein Schambeck-AFT (Ausfahrtriebwerk), sondern ein "herkömmliches" Klapptriebwerk mit 1900-er Lehner-Motor und 22-Zoll-Holzluftschraube erhalten


Der "SF-27M" ist der Klassiker, inmitten all der Hochleistungs-Modelle


Wer schon mal mit einem Standmodell des "SF-27M" im Maßstab 1:48 starten will, wird bei Gerhard Wulff (www.pure-planes.de) fündig



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 3/2021

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