SPECIAL

Taschen-Meister

Ein Besuch bei Revoc


Mit Revoc-Chef Zbigniew "Zbig" Marczak (rechts) hat Richard Branderhorst einen Profipartner für sein Modellprojekt gefunden

Richard Branderhorst liebt seine Großmodelle. Transportschäden sind etwas, das er absolut nicht ausstehen kann. Grund genug für ihn, einen Urlaub in Südpolen mit einem Besuch bei Taschenhersteller Revoc zu verbinden.

Mit dem Kauf eines Bausatzes einer "Grumman Wildcat F4F" im Maßstab 1:4 habe ich ein Projekt gestartet, das sicherlich noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen wird. Doch schon beim Projektstart hatte ich den Wunsch, die (Roh-) Bauteile des Modells zu schützen. Ganz zu schwei- gen davon, wenn es um den Transport des kompletten Modells geht. Bereits vor zwei Jahren hatte ich Kontakt mit Revoc-Chef Zbigniew Marczak aufgenommen (Spitzname Zbig) und mit ihm über Taschen für das neue Modell gesprochen. Schnell wurde klar, je komplexer das Modell in Bezug auf die Dimensionen ist, desto besser wäre es, genau diese weitergeben zu können - idealerweise also das Modell.

Eine Urlaubsreise nach Südpolen stand an. Da habe ich gleich einen Termin mit Zbig Marczak vereinbart, um ihm Rumpf, eine Tragfläche und ein Leitwerk zu bringen. Das Unternehmen befindet sich in einem kleinen Dorf namens Go-dów, fast an der tschechischen Grenze, südlich von Kattowitz. Die Begrüßung durch den Firmenchef war herzlich und ich konnte mit ihm auch gleich meine Wunschliste erarbeiten. Da der Rumpf und die Tragflächen der "Grumman" sehr leicht gebaut sind und eine nur dünne Außenhaut haben, habe ich mich sofort für ein dickeres Material auf der Außenseite der Tasche entschieden. Sofort wurde eine Skizze mit zusätzlichen Farben angefertigt. Die Revoc-Taschen bestehen aus drei Schichten, sodass man nicht nur Material und Farbe der Außenhaut, sondern auch die Farbe der Innenseite bestimmen kann. Ich war erstaunt, dass fast alle meine persönlichen Wünsche erfüllt werden konnten. Da ich nicht dem gesamten Produktionsprozess beiwohnen konnte, machte Zbig auf meine Bitte hin viele professionelle Bilder von der Herstellung.

Ein paar Tage später konnte ich die Taschen abholen. Das Ergebnis übertraf meine Erwartungen. Zbig gefiel der erste Versuch der Rumpftaschen nicht und er ließ durch seine 20 Mitarbei- terinnen neue anfertigen. Die "Wildcat" ist halt kein schlanker Großsegler, sondern hat viele verschiedene Winkel und Querschnitte. Nicht alle der Mitarbeiterinnen sind Näherinnen. Zwei von ihnen sind Designerinnen, die mit fortschrittlichen 3D-Programmen arbeiten und die komplexen Maschinen einrichten können. Zwei weitere sind Qualitätskontrolleure, eine weitere übernimmt das Verpacken und den Versand. Und Zbigs Frau Violetta kümmert sich hauptsächlich um den Kontakt mit den Kunden.

Zbig und sein Team zeigen, dass sie Revoc von einem Hobbybetrieb zu einem professionellen Unternehmen gemacht haben. So wird jedes Modell mit modernsten 3D-Messinstrumenten komplett gescannt. Dabei mangelt es nicht an guten Ideen: Zbig hat beispielsweise die Rumpftasche mit einer Klappe versehen. So kann ein Flieger-Modell zusammengebaut in den Taschen verstaut werden.

In einem langen Gespräch habe ich mehr über die Firma erfahren. Zbig interessierte sich schon als kleiner Junge für die Modellfliegerei. Sein erstes Modell konnte er jedoch erst später im Leben kaufen. Da es für den Sender keine handliche Tasche gab, fertigte seine Frau auf ihrer Nähmaschine eine an. Das Interesse der Kollegen war geweckt. Bald folgte eine Tasche nach der anderen. Der Entschluss, den bestehenden Job zu kündigen und den Sprung ins kalte Wasser zu wagen, war für Zbig eine riskante Entscheidung. Gemeinsam mit seiner Frau Violetta kratzten sie ihre Ersparnisse zusammen und verkauften ihre beiden Autos, um die ersten Maschinen erwerben, und eine Werkstatt mieten zu können.

"Wir arbeiten mit der Devise, ein perfektes Endprodukt zu liefern", erzählt Zbig im Gespräch. Er schreckt auch nicht davor zurück, eine Tasche noch einmal zu fertigen, wenn der Kunde nicht zufrieden ist. Ich hatte das Gefühl, dass die Atmosphäre in der Firma gut ist, was die Qualität erhöht. Die Näherinnen werden im Unternehmen ausgebildet. Eine neue Kollegin beginnt mit einfachen Arbeiten und kann sich bis zu komplexen Aufgaben hocharbeiten. Laut Zbig ist die Personalfluktuation nahezu null.

Das Unternehmen verfügt über eine ständig wachsende Datenbank von Modellen aller Art - aktuell über 3.000, von jedem Hersteller und in jedem Maßstab. Der Kundenstamm besteht zur Hälfte aus Jet- und zur anderen Hälfte aus Großseglerpiloten. Die Aufträge kommen aus der ganzen Welt.

Es lohnt sich, eine Ferienreise mit einem Besuch bei Revoc zu verbinden. Die Region Südpolen ist wunderschön, Städte wie Krakau sind auf jeden Fall eine Fahrt wert, ebenso die Salzminen in der Nähe. Eine Reise in die Slowakei und die Tschechische Republik ist überhaupt kein Problem. Die Preise für Lebensmittel und Getränke, Camping oder Treibstoff sind attraktiv. Die Menschen dort sind freundlich und mit der deutschen oder englischen Sprache kommt man gut durch. Auch gibt es viele Sport- und Segelflugplätze, auf denen interessante Typen von Motor- und Segelflugzeugen zu bewundern sind.

Meine letzte Frage an Zbig war, wofür der Name "Revoc" steht. Ich bekam die Bestätigung, dass das Lösen von Rätseln nicht meine Stärke ist, er sagte nur: "Lesen Sie Revoc mal von hinten nach vorne..."

Richard Branderhorst


Auf einen Blick

Revoc custom
1 Maja 13A
44-340 Godow
Polen
Tel.: 0048-32/4407722
www.revoc.eu


Aufwändige Rümpfe können mit einem 3D-Scanner vermessen werden


Im CAD werden die Daten aufbereitet und für die Produktion der Taschen vorbereitet


Im großen Laserschneider werden die Stoffe zugeschnitten


Handarbeit wird ebenso großgeschrieben


20 Mitarbeiterinnen kümmern sich um die Produktion. Mehrfarbige Applikationen sind ebenso möglich


Eine tolle Idee ist die Seitenklappe in der Rumpftasche


Gut geschützt kann das Modell bald auf Reisen gehen



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2021

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