TEST

Einfach fliegen

Der "Tera V5" von Alexandre Cruz


Lange haben wir nur wenig geodätische Rippentragflächen gesehen, der "Tera V5" ist eine willkommene Abwechslung

Mit der fünften Auflage seines Elektroseglers hat der aus Brasilien stammende Konstrukteur Alexandre Cruz seiner Modellentwicklung die Krone aufgesetzt. Nun wird das außergewöhnliche Modell auch in Deutschland produziert und angeboten. Philipp Gardemin berichtet.

2,25 Meter Spannweite, Kreuzleitwerk, Vierklappenflügel und 3s-Elektroantrieb sind ja eigentlich nichts Besonderes mehr. Doch schaut man sich den "Tera V5" an, so fällt gleich die geodätische Anordnung der Tragflächenrippen auf. Dies verleiht dem Flügel eine Torsionssteifigkeit, die ihresgleichen sucht. Und dies nicht zuletzt aufgrund der konsequenten Leichtbauweise des ganzen Modells, ausschließlich mit Balsaholzteilen.

Als Alexandre Cruz vor etlichen Jahren seinen "Tera" entwickelte, wollte er vor allem eines: seinen brasilianischen Landsleuten einen einfachen und preisgünstigen Einstieg in das Fliegen mit leistungsfähigen Elektrosegelflugmodellen ermöglichen. Die ersten Modellversionen hatten weniger als 1,8 Meter Spanweite, einen Zwei-klappenflügel und wurden noch mit einzelnen CFK- und GFK-Elementen aufgebaut. Doch der Materialimport nach Brasilien war teuer und wurde zunehmend schwieriger. Mit der Modellversion "V3" schließlich stieg Alexandre Cruz komplett auf Balsaholz für das ganze Modell um. Er bezog es über einen Freund mit eigener Balsaholzplantage, der dann auch die Produktion der Bausätze übernahm. Über 300 der "V3"-Modellversion wurden gefertigt und fliegen in ganz Südamerika. Mit einer speziellen Bausatzversion mit extra selektiertem und superleichtem Balsaholz konnte Alexandre das Fluggewicht sogar auf unter 370 Gramm drücken.

Mit der Modellversion "V4" schließlich bekam der "Tera" eine Spannweite von 190 Zentimetern und war damit der direkte Entwicklungssprung zum aktuellen "V5". Bis zu diesem Zeitpunkt waren deutlich über 500 "Tera"-Modelle gebaut. Die Modellsportler in Südamerika liebten das Modell aufgrund seiner Flugeigenschaften und -leistungen. Und auch dafür, dass zur Ausstattung ausschließlich sehr preisgünstige Servos und Antriebe Verwendung fanden.

Mittlerweile zog Alexandre Cruz berufsbedingt nach Deutschland um. Hier entstand dann auch die Modellversion "V5". Die bekam erstmals die so charakteristische Rippenbauweise in geodätischer Anordnung. Außerdem wurde die Spannweite auf 2,25 Meter erhöht und der Flügel erhielt noch die Landeklappen. Die wurden hinzugefügt, weil Alexandre Cruz damit den Einstieg in das Fliegen von leistungsfähigen Modellen mit Vier-Klappen-Tragflächen erleichtern wollte. Quasi als Basistraining für F3J- und F5J-Modelle. Hinzu kam die Möglichkeit des Optimierens und Anpassens der Flugleistungen durch gemeinsames Verwölben aller vier Ruder. Treu geblieben ist Alexandre der Bauweise aus ausschließlich Balsaholzteilen. Sogar die Tragflächenholme werden aus festem Balsa gelasert. Alexandre Cruz sagt von sich selbst, dass er die ganze Modellserie immer noch gerne fliegt und liebt wie am ersten Tag. Wie viele Modelle er für sich selbst gebaut hat? Da hat er irgendwann aufgehört zu zählen .

Ich bin mit Alexandre Cruz in Kontakt gekommen, er sandte mir einen von ihm selbst auf einer kleinen Lasermaschine produzierten Bausatz. Über einen Eintrag von mir auf Facebook zu dem Thema kamen dann zahlreiche Modellbaufirmen auf mich zu und baten um Kontaktaufnahme mit Alexandre Cruz. Mit Pichler Modellbau schließlich hat er sich auf die Produktion und den Vertrieb des Modells geeinigt. Der Bausatz wird im Hause Pichler gefertigt und zusammengestellt. Auf Modifikationen der Originalkonstruktion wurde verzichtet - mit einer Ausnahme: Die Bauteillängen konnten dank der nun größeren Lasermaschine auf die gesamte Halbspannweite und Rumpflänge vergrößert werden. Somit müssen Leisten und Beplankungen nicht mehr zweigeteilt sein.

Pichler übernahm aber auch eine weitere tolle Idee von Alexandre Cruz: Geliefert wird der "Tera V5" in einer Box aus gelasertem Pappelsperrholz. Deckel und Boden der Kiste sind wie ein Bauplan mit dem Laser beschriftet und werden als Bauhelling verwendet. Ausgelaserte Winkelstücke in den Seitenteilen der Box dienen als Positionierungen für die Rippen. Ob man die Winkelstücke einklebt, bleibt einem selbst überlassen. Ich habe sie nur eingesteckt.

Der Lieferumfang besteht aus gelaserten Balsaholzteilen in ausgesuchten Materialhärten, passend zum jeweiligen Einsatzzweck. Die linke und die rechte Tragflächenhälfte können gleichzeitig aufgebaut werden. Die Tragflächenhälften habe ich mit Rippen und Holmen trocken komplett zusammengesteckt und alle Teile miteinander mit Stecknadeln gesichert. Dann erst bin ich mit Sekundenkleber und einer Kanüle von Klebestelle zu Klebestelle gegangen. Selbstverständlich dürfen die Klebestellen nicht "geflu- tet" werden, sonst besteht die Gefahr, dass alles an der Helling festklebt. Wer sich mehr Zeit nehmen will, nimmt einen kleinen spitzen Pinsel und gibt verdünnten Weißleim an die Klebestellen. Die Kohäsion übernimmt den Rest.

Auch ohne die Beplankungen war der Flügel jetzt bereits absolut torsionssteif. Eine weitere Besonderheit: Die Steckungsaufnahmen in den Tragflächenhälften bestehen aus 3D-gedruckten Teilen, die exakt zwischen Holme und Rippen passen. Sie werden grob angeraut und können mit dickflüssigem Sekundenkleber befestigt werden. Die Beplankungen aus 1-mm-Balsa werden am besten mit Weißleim aufgeklebt und mit Gewichten und Klebeband gesichert. Mit Stecknadeln verursacht man schnell unschöne Löcher. Ich habe mir angewöhnt, die Oberflächen erst mit Papierklebeband zu bekleben und dieses auch erst zum Verschleifen wieder abzuziehen. So vermeidet man unschöne Dellen währ- end der Weiterbearbeitung.

Der Rumpf ist eine robuste wie auch leichte Kastenkonstruktion, die aus zahlreichen Balsaholzteilen aufgebaut wird. Anschließend kann sie nach Belieben verschliffen werden. Das erfordert natürlich ein Augenmerk auf den geraden Aufbau. Also lieber etwas Zeit einplanen und immer schön kontrollieren. Ich verwende hier am liebsten Weißleim, um auch nach dem Zusammensetzen noch korrigieren zu können. Gleiches gilt für die wirklich ultraleichten Leitwerke. Die werden wie ein Puzzle zusammengesetzt und dann fest auf dem Rumpf montiert. Sekundenkleber ist hier tabu! Dessen Klebestellen würden bei einer Torsion der Leitwerke schnell brechen. Weißleim gibt dem Ganzen dagegen eine gewisse Elastizität. Was mich bei diesem Modell zunächst stutzig machte, war die doch sehr kurz anmutende Rumpfnase. Ob da nicht zu viel Trimblei nötig werden würde?

Den gesamten Rohbau des Modells (239 Gramm) habe ich mit einer Schicht Porenfüller gestrichen, leicht überschliffen und schließlich mit transparentem Oracover bebügelt. Nach dem Bügeln und dem Anschlagen der Ruder mit Klebeband standen 305 Gramm auf der Waage. Selbstverständlich wäre sonst auch Oralight eine gute Wahl. Ganz besonders reizvoll stelle ich mir auch eine (mehrfarbige?) Papierbespannung des schönen Modells vor.

Zur Ausstattung des Modells lag Alexandre Cruz immer am Herzen, dass ausschließlich preisgünstige Komponenten verwendet werden können. So passen in den Tragflügel tatsächlich auch 12-mm-Servos rein. Ich verwende an allen Rudern die "Master 2312 MG" von Pichler. Als Antrieb wählte ich den "Boost 15" (28 mm, 59 Gramm) mit einem 20-A-Regler und einem 3s-LiPo 1.300 Milliamperestunden sowie eine 9 x 6 Zoll große Klappluftschraube. Mit diesen Komponenten - da staunte ich angesichts der kurzen Rumpfnase nicht schlecht - war der Schwerpunkt ohne Bleizugabe einzustellen. Das Gewicht pendelte sich damit auf 639 Gramm, beziehungsweise auf eine Flächenbelastung von gerade mal knapp 34 Gramm/Quadratdezimeter ein. Mit dünneren und leichteren Servos lässt sich das Gewicht aber auch auf unter 600 Gramm bringen.

Ohne Bedenken ging es mit dem "Tera V5" an einem stillen Abend zum Erstflug. Erwartungsgemäß zog der hübsche Segler aus der Hand davon, der Antrieb verlieh dem "Tera V5" einen senkrechten Steigflug. Das war ja schon mal prima. Auch der Segelflug begeisterte mich, und der Anblick der geodätischen Rippentragfläche. Ganz ohne Trimmkorrekturen und mit einer hervorragenden Landung endete der Erstflug im letzten Licht des Sommerabends.

Viele weitere Flüge bestätigten bis heute die angenehmen Flugleistungen und -eigenschaften. Im Segelflug zeigt der "Tera V5" einen sehr dynamischen und wendigen Flugstil. Das erwies sich auch an einem strammen Ostwindtag am Haushang als sehr gelungen. Das Verwölben der Tragfläche tut in so einem Fall sein Übriges. Mit voll gesetztem Butterfly lässt sich das Modell dann im Schritttempo vom Himmel holen und wahlweise direkt in die Hand landen oder eben auf der Wiese aufsetzen.

Kurzum, für mich ist der "Tera V5" die wohl gelungenste Elektrosegler-Konstruktion der vergangenen Jahre und ich freue mich über das schöne Modell.

Philipp Gardemin


Fakten

Das Baukastenmodell "Tera V5"
Ein Gast aus Südamerika

Spannweite 2.215 mm
Länge 1.030 mm
Gewicht 639 g
Fläche 33,8 qdm
Flächenbelastung: 21,6 g/qdm
Preis: 159,- Euro
Bezug im Fachhandel und bei Pichler-Modellbau
www.pichler.de


Deckel und Boden der Transportkiste sind zugleich die Bauhelling. Dank eingesteckter Winkel werden die Rippen passgenau an ihrem Platz gehalten


Die Tragfläche kann trocken zusammengesteckt werden und hält bereits ohne Klebstoff sehr gut


Mit allen Leisten und Beplankungen ist die Tragfläche absolut torsionssteif


Die Steckungsaufnahmen bestehen aus 3D-gedruckten Teilen - eine tolle Idee!


Die Leitwerke werden aus Einzelteilen gepuzzelt und am besten mit Weißleim verklebt


Der Rumpfdeckel wird erst nach dem Verschleifen herausgetrennt, die Schnittkanten sind vorgegeben


Der gesamte Rohbau wog nur 239 Gramm und war an wenigen gemütlichen Bauabenden erledigt


Mit einem "Boost 15" und dem 3s-LiPo 1.300 Milliamperestunden ist der Schwerpunkt auch ohne Bleizugabe zu schaffen


Das Fliegen mit dem "Tera V5" macht Spaß, ganz gleich ob beim Thermiksegeln oder beim Cruisen in Bodennähe


Die Gene eines modernen F3J-/F5J-Seglers sind unverkennbar, mit dem "Tera V5" lässt sich gezielt auf diese Modellklasse einsteigen


Gelandet wird mit Butterfly, ganz kurz und direkt



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 4/2022

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