TEST

Modellbau satt

Der Bau einen Großmodells in Holzbauweise


Der (unfertige) Rumpf mit Höhenleitwerk und allen Rudern wiegt lediglich 4.900 Gramm

Die "AN-2" mit ihrem markanten Aussehen und dem unglaublichen Flugbild vorzustellen bedeute Eulen nach Athen zu tragen. Philipp Gardemin hat sich mit dem Großmodell von Fun-Modellbau einen Traum erfüllt.

Seit ich einen halbfertigen Rohbau dieser Antonov-"AN-2" am Messestand von Fun-Modellbau gesehen habe, fesselte mich eine Idee: Ich woll- te dieses Modell tatsächlich einmal selbst bau-en! Ich habe mit einem deutlich kleineren Modell, das ich 2006 nach einem FMT-Bauplan ge- baut hatte, schon beste Erfahrungen gemacht. Die Flüge damit habe ich reichlich genossen. Angesichts der heute möglichen Elektroantriebe wäre ja auch eine kräftige Motorisierung des großen Modells mit 3,2 Meter Spannweite kein Problem mehr. Der Schlepp eines "Blanik"-Großseglers, den ein liebgewonnener Kollege ebenfalls gerade auf der Werkbank hat, wäre die Krönung.

Während der Prowing 2019 wurde nach zahlreichen kurzen und langen Gesprächen mit dem Team von Fun-Modellbau mein Vorhaben zur beschlossenen Sache. Der Deal war perfekt. Allerdings nicht schon für den Sommer. Der folgende Winter wäre ja noch lang genug. Bis dahin konn-te ich dann offene Bauprojekte abschließen und so Platz für das neue Großprojekt schaffen. So-mit stellte es für mich auch in einer ganz anderen Hinsicht eine Premiere dar: Erstmals konnte ich beliebig viel Zeit investieren, da hier kein - wie auch immer gearteter Auftrag - dahinter stand. Wie etwa ein terminierter Testbericht oder der zuletzt enge Zeitplan beim Dmax-Filmprojekt mit dem "Airtractor". Ich holte also in der letzten Oktoberwoche wie vereinbart den Bausatz in Bielefeld ab. Bis zu diesem Zeitpunkt unterrichtete mich Firmenchef Christian Kamann ständig über den Verlauf der Produktion.

Mein Ziel war es, mit der "AN-2" ein Scale-Modell aufzubauen, wie ich es in punkto Aufwand und Detaillierung bisher noch nicht verwirklicht hatte. Der Teilesatz von Fun-Modellbau bot dazu eine perfekte Grundlage. Damit lässt sich das Modell grundlegend aufbauen. Dennoch müssen die meisten Konstruktionslösungen selbst realisiert, beziehungsweise modifiziert werden. Der Bausatz der "AN-2" lässt sich in punkto Vorarbeit und Dokumentation mit einem Laserteile-Bausatz etwa von Aeronaut, Höllein oder RC- Europe nicht vergleichen - und das ist auch gut so!

Zur Lieferung gehörten mehrere Planrollen mit 1:1-Zeichnungen, ein großer Karton mit ausgeschnittenen Laserteilen aus dem firmeneigenen Ibraco-Sperrholz und Balsa sowie gelaserte Metallteile für die Fahrwerks- und Strebenbefestigungen. Beigelegt hat mir Christian Kamann außerdem Kieferleisten in den Maßen 6 x 6 mm (Tragflächenholme) und 4 x 4 mm (Rumpfstringer). Alles weitere Material gilt es bei dieser Art von Bausätzen selbst zu besorgen. Dazu aktivierte ich den Balsaholzhändler Balsabar: Zur Messe in Friedrichshafen lieferte mir Inhaber Jürgen Barthel 40 schier schneeweiße Brettchen Balsa 2 mm und mehrere Bretter 6 mm. So verbrachte ich den ersten langen Abend damit, die Laserteile nach Baugruppen zu sortieren und auf Vollständigkeit zu prüfen. Alles fein säuberlich auf einer Tischfläche ausgebreitet, konnte ich schließlich loslegen. Als Bauunterlage verwende ich seit langem Hartschaum-Dämmplatten in 60 Millimeter Dicke aus dem Baumarkt. Die lassen sich in die erforderlichen Formate schneiden und zusammenmontieren. Zudem können die Modellbauteile - falls kein Plan darunterliegt - direkt mit Weißleim aufgeklebt und nach getaner Arbeit mit einem leichten Ruck wieder gelöst werden.

Das sicherlich mächtigste Bauteil der "AN-2" ist der Rumpf. Der ist im kompletten Zustand 2.100 Millimeter lang (mit Motorhaube und Seitenruder), 320 Millimeter (ohne Tragflächenstummel) breit und im Bereich der Tragflächen 450 Millimeter hoch. Er wird in zwei Halbschalen aufgebaut. Die Spanten (23 Stück über die ganze Länge) hat Fun-Modellbau dazu bereits geteilt gelasert und durchnummeriert. Die oberen und unteren Hauptstringer des Rumpfs habe ich aus mehreren Lagen 2-mm-Flugzeugsperrholz flächig miteinander mit Epoxidharz verklebt. Nach dem Aufstellen und Fixieren der Spanten auf der Planzeichnung wurden die Stringer eingesetzt. Damit entstand dann bereits ein erstaunlich stabiles Rumpfgebilde. Auch das Seitenleitwerk ent- stand mit diesem Aufbau und in einem Rutsch mit dem Rest des Rumpfes.

Eigentlich sollte nun die zweite Rumpfhälfte genau so aufgebaut, und anschließend mit der ersten plan verklebt werden. Ich befürchtete jedoch, dass die Hälften nicht genau zusammenpassen würden. Dann könnte sich beim Zusammenkleben ein Verzug einstellen. Also habe ich drei lange Kieferleisten mit 25 x 25 mm Querschnitt auf die Werkbank geschraubt. Anschließend die erste gebaute Rumpfhälfte vor der Werkbank auf die überstehenden Leisten gehängt. Das Seitenleitwerk habe ich verzugsfrei unterlegt. Somit ließ sich die zweite Hälfte direkt auf der ersten aufbauen. Schon zwei Aben-de später konnte das mächtige Rumpfgerippe - das zu diesem Zeitpunkt eher an einen Zeppelin erinnerte - auf den "WingFix"-Modellständer von Teil-Q umziehen. Dort sollte es fortan mehrere Monate zum Weiterbau verweilen.

Von Beginn an habe ich die Baufortschritte in einem eigens angelegten Fotoalbum auf Facebook gezeigt. Zahlreiche gute Kontakte habe ich dadurch hergestellt. Unter anderem nach Luxemburg zu Chris Vannieuwenhuyse. Er besitzt seit vielen Jahren eine perfekt restaurierte "AN-2" aus polnischer Fertigung und bietet damit an Flugtagen Rundflüge an. Seine eher konservative Lackierung in Dunkelgrün und Hellblau gefiel mir sehr gut. Ganz im Gegensatz zu den meist knallbunten Fantasie-Lackierungen anderer "AN-2". So entschied ich mich, genau dieses Flugzeug zum Vorbild zu nehmen. Chris versorgte mich laufend mit Bildern und Maßen, wann immer ich etwas gebraucht habe. Mitte Februar besuchte ich ihn und sein Flugzeug in Luxemburg. Ich konnte zahlreiche Detailbilder machen, von denen ich noch sehr profitieren sollte. Außerdem kam ich in Kontakt mit Ingo Kalke in Bayern. Er beschäftigte sich schon länger mit dem Bau dieser "AN-2" von Fun-Modellbau. Fortan tauschten wir uns laufend mit Bau- tipps, Lösungsansätzen und Ideen aus. Von ihm bekam ich auch ein GFK-Bauteil des markanten Cockpitaufbaus - dafür gebührt ihm großer Dank!

Doch zurück zu meiner Baustelle: Für die Beplankung des Rumpfes empfahl Fun-Modellbau 3-mm-Balsa. Doch das war in meinen Augen eine Nummer zu dick. Ich entschied mich daher für 2-mm-Balsa und startete am Heckbereich des Modells mit den ersten Beplankungsstücken. Während der Rumpf vollbeplankt werden soll, sieht das am Leitwerk anders aus. Doch wie verlaufen bei der "AN-2" die Beplankungslinien? Zum Glück kam ich über die Facebookaktivität auch mit Frank Preuss in Kontakt. Er arbeitet in einem luftfahrttechnischen Betrieb im Schwarzwald. Er meinte, im Keller des Unternehmens würden unbespannte Flügel und Leitwerke einer "AN-2" liegen. Ich bat ihn Fotos zu machen, damit ich den Verlauf der Beplankungen erkennen konnte, um sie am Modell entsprechend umzusetzen. Einen langen Abend später hatte ich ein vorbildgetreu beplanktes Seitenleitwerk am Rumpf.

Das Höhenleitwerk der "AN-2" hat stolze 1.280 Millimeter Spannweite und 310 Millimeter Tiefe inklusive der Ruder. Selbstredend, dass dieses in zwei Hälften abnehmbar gestaltet sein musste. Der Konstrukteur des Modells hatte zwei Anschluss-Spanten im Inneren des Seitenleitwerks vorgesehen. Ich wollte einen vorbildgetreuen Übergang zwischen Seiten- und Hö- henleitwerk mit all seinen Details haben. Also baute ich links und rechts des Höhenleitwerks jeweils das erste Rippenfeld alleinstehend auf und verklebte die Teile mit den Steckungsrohren im Rumpf. Damit war es möglich die Beplankungen zusammenzuführen und schön auszugestalten. Für die Steckungen verwendete ich CFK-Rohre von R&G mit 20 und acht Millimeter Durchmesser mit passenden Innenrohren. Der Aufbau der Höhenleitwerke und -ruder war dann "normales Geschäft" in herkömmlicher Holm-Rippenbauweise. Für zwei kräftige Tragflächenservos wurden Einbaupositionen direkt an der Wurzelrippe der Höhenleitwerkshälften vorgesehen. Als Highlight empfand ich auch den Aufbau der Randbögen aus mehreren Laserteilen mit anschließender Beplankung. Da hat sich der Zeichner richtig Arbeit gemacht. Ein Vollbalsaklotz wäre natürlich auch gegangen - aber mit deutlich mehr Gewicht.

Abweichend von der Konstruktionsvorgabe habe ich für die Verschraubung der markanten Streben des Höhenleitwerks nicht die rausstehenden Stahlbleche angeschraubt, sondern jeweils Einschlagmuttern verklebt. So kann später von außen geschraubt werden. Für deren genaue Position im Rumpf schickte ich Chris Vannieuwenhuyse an einem Abend zu seinem Flug- zeug: er übermittelte mir die Maße quasi in Echtzeit. Auch einen geräumigen Zugangsdeckel in der linken Rumpfseite konstruierte ich mit ei-nem gefrästen Rahmen, um später so noch die Anlenkung des Spornrades erreichen zu können.

Langsam aber sicher arbeitete ich mich am Rumpf nach vorne. Wieder bemühte ich meinen Freund in Luxemburg zum Maß nehmen. Jetzt ging es um die genauen Positionen und Größen der Fenster und der markanten Einstiegstüren der AN-2. Ich setzte die Maße im CAD um und fräste aus 1,5-mm-Flugzeugsperrholz entsprechende Beplankungsstücke mit der Fensterreihe und den Türen. Auch das Toilettenfenster auf der rechten Rumpfseite wurde dabei realisiert. Mein Ziel war es, nicht nur der kleinen Tür das Öffnen zu ermöglichen. Auch die große Frachtluke - in der sich die kleine Tür befindet - sollte sich öffnen lassen. Das Flugzeugsperrholz wähl-te ich, um die Kanten sauber fräsen zu können. Weitere Detaillierungen benötigten wiederum eine stabile Grundlage. Um die gefrästen Stücke herum beplankte ich dann den Rumpf mit 2-mm-Balsa. Das etwas dickere Balsa konnte ich exakt auf das Sperrholz runterschleifen, ohne hier Kanten zu erzeugen. Die Beplankungsstücke wurden immer so geschnitten, dass sich Klebekanten möglichst auf den Stringern und Spanten befanden. Es war herrlich anzusehen, wie das Flugzeug mit der Zeit Gestalt annahm. Einzig die Tragflächenanschlüsse beplankte ich noch nicht, um später noch die Anpassung der Tragflächen zu ermöglichen.

Parallel zum Beplanken des Rumpfes baute ich noch das Seitenruder auf. Dank der Fotos von Frank Preuss auch hier mit einem vorbildgetreuen Beplankungsverlauf. Für die markante Trimmklappe im Seitenruder schickte ich Frank Preuss noch einmal zum Maßnehmen in den Keller. Die Trimmklappe habe ich aus zwei Lagen 6-mm-Balsa mit einer Mittelschicht aus 1,5-mm- Sperrholz gefertigt. Das ganze Seitenruder wird mit einem 2-mm-CFK-Stab in drei GFK-Lagern mit Kugellagern gehalten. Dadurch ist es abnehmbar und läuft hervorragend präzise. Auch die Trimmklappe im linken Höhenruder setzte ich nachträglich noch um - ich hatte es zuvor schlicht vergessen. Auf die vergessene Trimmklappe aufmerksam wurde ich durch die Konstruktionszeichnungen des polnischen Flugzeug- bauers PZL, der die "AN-2" jahrelang in Lizenz gebaut hat. Die Zeichnungen waren ein Glücksfall. Bekommen habe ich sie von Heiko Baumgärtner in Gera, dem Inhaber von HB-Modellbau, der sich seit langem auf PZL-(Segel-)Flugzeuge spezialisiert hat. Bei einem Besuch in seiner Werkstatt zeigte er mir die Zeichnungen. Ich konnte ihn überreden mir die Originale mitzugeben, damit ich sie einscannen und ausdrucken konnte. Bis zum Schluss sollten mir die Zeichnungen eine wertvolle Hilfe sein.

In der nächsten Ausgabe berichte ich über den Weiterbau des Modells mit den Tragflächen und den Abschluss des Rohbaus. Der sollte noch so manche Überraschung und Herausforderung bereit halten.

Philipp Gardemin


Zur Bauvorbereitung wurden die Spanten sortiert und in zwei Häufchen geschichtet


Die erste Rumpfhälfte wurde direkt auf dem Plan aufgebaut


Auch das Seitenleitwerk entstand bei diesem Arbeitsschritt gleich mit


Die Tragflächenanschlüsse wurden ebenfalls mit aufgebaut


Die Fenster und Türen wurden am CAD konstruiert, gefräst und aufgeklebt, bevor die eigentliche Beplankung erfolgte


Für den Aufbau der zweiten Rumpfhälfte wurde die erste Hälfte auf Leisten aufgehängt


Der große Motordom ist ein zentrales Element und leitet die Kraft des Antriebs gut in den Rumpf


Mit allen Stringern und sonstigen Formteilen entstand zügig ein stabiles Rumpfgerüst


Als der Rumpf erstmals auf dem "Wingfix" von Teil-Q stand, wurde die Größe erst so richtig deutlich


Kleine Details wurden von Anfang an umgesetzt, so wie hier das Toilettenfenster


Der kleine Rahmen dient als Serviceöffnung um später noch an die Anlenkung des Spornrades zu kommen


Für das Höhenleitwerk wurden kleine Stummel, jeweils das erste Rippenfeld der Leitwerke, direkt am Rumpf angebaut


Das partiell beplankte Seitenleitwerk ist das Ergebnis von gutem Fotomaterial


Der Rumpf wurde insgesamt mit lauter einzelnen Stücken beplankt - von hinten nach vorne


Bis die Beplankung vorne ankam, wurden viele Brettchen mit noch viel mehr Schnitten bearbeitet


Das erste GFK-Teil war dieses Cockpitteil aus dem Laminat von Ingo Kalke


Die Höhenleitwerke sind klassische Holm-Rippenkonstruktionen



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