TEST

"Ventus 3" von Wildflug

Ein Großsegler im Maßstab 1:3


Das Original des "Ventus 3" hatte im Januar 2016 seinen Erstflug, das Modell gibt die elegante Linienführung sehr gut wieder

Mit sechs Meter Spannweite und deutlich unter 15 Kilogramm Gewicht hat der "Ventus 3" das Zeug zum Großsegler für den Alltagseinsatz. Volker Kaul hat das Modell aufgebaut und geflogen.

Der "Ventus 3" wird im Original bei Schempp-Hirth hergestellt und hatte im Januar 2016 seinen Erstflug. Wildflug bezeichnet sein Modell im Maßstab 1:3 als "riesiges Thermikmodell mit großem Durchzug für Leistungsverwöhnte". Die Modellgröße versprach zudem auch eine gute Transportfähigkeit und die Möglichkeit zum Tragen über längere Strecken. Für mich bedeutet das, hier meine persönliche Gewichtsgrenze von maximal 15 Kilogramm anzusetzen. Ein weiterer Vorteil des Maßstabes ist aber auch die gute Sichtbarkeit in großen Höhen. Ein FES-Antrieb erschien mir zudem als die beste Möglichkeit zum Eigenstart, weil mir ein Klapptriebwerk zu komplex ist und zudem noch Gewichtsnachteile aufweist.

Das 18 Meter große Original des "Ventus 3" hat eine schöne Streckung, die allerdings nicht extrem ist, und somit auch Flüge in großen Hö-hen bei guter Sichtbarkeit zulässt - so auch das Modell. Gut erinnern kann ich mich noch an das Manko meiner "Eta", die trotz 6,3 Meter Spannweite schon bei 400 Meter Flughöhe fast nicht mehr zu sehen war, ein Problem der schmalen Flächen.

Aber auch die Robustheit des neuen Modells war mir sehr wichtig. In diesem Punkt hat Wildflug in der Zwischenzeit sehr viel Verbesserungsarbeit investiert. Bei der Oberfläche des gelie- ferten "Ventus 3" handelt es sich um Stützstoff-Laminat mit CFK-Verstärkungen an den wichtigen Stellen. Der Auslieferungszustand des Modells hat mich begeistert. So zum Beispiel die vormontierte Kabinenhaube, an der nichts mehr gemacht werden musste. Mit perfekten Spaltmaßen und robusten Scharnieren macht das Ganze einfach Spaß. Nur ein Schiebefenster muss - sofern man es haben will - noch dazugekauft werden. Ich bezog meines von Gromotec. Das Leergewicht des ganzen Modells betrug 7,7 Kilogramm.

Wirklich schön anzusehen war auch das bereits eingebaute Einziehfahrwerk mit Federung, Bremse und Holmbrücken aus Kohlefaser. Die Montage der Tragflächen geschieht, indem die beiden Holmbrücken mit Stiften in die jeweils gegenüberliegende Fläche einrasten und mit einem weiteren Stift miteinander arretiert werden. Leichter und steifer geht es nicht. Die Außentragflächen werden konventionell über ei- nen 10-mm-Rundstahl angebracht. Gesichert wird mit Klebeband. Eingebaut werden müssen lediglich noch die Servo- und Gerätebretter im Rumpf, die Servohalterungen, der Antrieb und die Akkus. Zugegeben, es war bei diesem Modell noch einiges zu erledigen. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass vergleichbare Modelle anderer Anbieter deutlich mehr kosten. Ein beispielsweise wichtiger Aspekt ist, dass eine hoch- glänzende Oberfläche noch hergestellt, und Kabelöffnungen noch freigelegt werden müssen. Das ist problemlos möglich, kostet aber Zeit. Das Wildflug-Konzept kann man so beschreiben, dass alle wichtigen, technischen Aspekte hervorragend realisiert wurden. Um die Optik dann auf den "Next-Level" zu bringen, ist eben noch etwas zu tun. Für dieses Konzept wird es meines Erachtens nach viele Käufer geben.

Kommen wir zum Antrieb. Ein FES-Antrieb von Hacker sollte es sein. Es gibt zwei Systeme: Hier kommt die größere Variante zum Einsatz. Definitiv ist solch ein System kein Sonderangebot, aber die Sicherheit und leichte Bedienbarkeit sprechen einfach für sich: Ein kurzer Druck auf den Knopf vorne am Mittelstück und die Luftschraube ist abgenommen. Die Auslegung des eigentlichen Antriebs war dann eine kleine Herausforderung: die Bodenfreiheit des eingebauten Fahrwerks ließ lediglich einen 13-Zoll-Propeller zu. Bei den dazu nötigen 11.000 Umdrehun- gen kann man nur noch auf hochwertige Luftschrauben zurückgreifen. In meinem Fall eine 13 x 10 Zoll große Luftschraube von Rudolf Freudenthaler. Es sei hier gesagt, dass die Leistung von nahezu drei Kilowatt ausreicht, den "Ventus" in einem Steigwinkel von 45 Grad und mehr steigen zu lassen. Die dazu nötigen Antriebskomponenten wurden direkt von Hacker ausgelegt: ein Motor "A50-12L V4" (48,7 mm, 445 g, 355 kv) befeuert von 10s-LiPo mit 5.000 Milliamperestunden. Beides passte hervorragend in die Spitze des Modells. Mit diesem Antrieb sind fünf bis sechs Steigflüge auf jeweils 200 bis 250 Me-ter möglich, mit genügend Reserve für eine even- tuell verpatzte Landung. Somit ist Thermikanschluss fast immer garantiert.

Ich wollte den Platz im Cockpit und die Sitz-wanne unbedingt erhalten, was gegen ein weiteres Zurückverlegen der Antriebsakkus sprach. Als Akkuhalter habe ich eine Konstruktion 3D-gedruckt. Die Akkus lassen sich durch das Lösen zweier Rändelschrauben einfach entriegeln und herausnehmen. Die Empfängerakkus befestigte ich dann auf einer Art "Schlitten" aus CFK, an einem leichten CFK-Rohr, weit in den Leitwerks-träger hinein. Als Empfängerakkus kommen "TopFuel LiFe 30C ECO-X 3100mAh 2S MTAG"-Packs - ebenfalls von Hacker - zum Einsatz.

Bei solch großen Modellen empfiehlt es sich immer auf höchste Qualität der Elektronik zu achten. Konkret bedeutete das in meinem Fall den Einbau einer Jeti- "Box 220" mit zwei "RSAT"-Empfängern und einer zweifachen Auslegung der Empfängerstromversorgung, zudem mit Kurzschluss-Sicherung der Servoausgänge. Dieses Gerät sorgt also umfassend für elektrische Übertragungs-Redundanz und somit für die nötige Ausfallsicherheit. Weiterhin bieten die acht in den Flächen verwendeten KST-Servos "X10 Mini V8" (30 x 10 x 30 mm, 23 g) und zwei "X12-508 V8" (23 x 12 x 27,5 mm, 20 g) auf dem Höhenruder die geforderte Verlässlichkeit. Das KST-Seitenruderservo "A15-2212 V8" (40,5 x 15 x 34 mm, 52 g) in Standardgröße wurde direkt im Seitenleitwerk eingebaut. Alle Servos wurden in gewohnter Weise himmlisch schnell von Höllein geliefert.

Etwas kritisch habe ich die Ausrüstung des Einziehfahrwerks mit dem dazu nötigen Servo empfunden: Ausgelegt wurde es für ein Hitec- "HS75", was mir in seiner Auslegung als Niedrigvolt-Servo nicht angemessen erschien. Eine Alternative fand ich schließlich bei Chocofly in der Schweiz. Das dort erhältliche "Fox 13-180", ein 180-Grad-Low-Profile-HV-Servo, war der ideale Proband, der von Leistungsdaten und Formfaktor ideal passen sollte. Nach jetzt einigen Flügen muss ich zum Fahrwerk das Folgende festhalten: Die Einstellung des Hebelarms ist schwierig, damit das Fahrwerk unter Belastung nicht unfreiwillig einklappt. Das Servo muss durch Druck für eine Verriegelung der Fahrwerkstütze sorgen, die bei etwas mehr als 180 Grad am Stützenscharnier geschieht. Das ist nicht optimal, sollte das Fahrwerk doch selbst eine Verriegelung garantieren, auch ohne Servo. Der Hebel steht zwar bei 180 Grad direkt in der Verlängerung zur Anlenkung, was sich aber mit der Zeit und ohne ständige Kontrolle auch mal ändern kann. So ist die Einstellung des Fahrwerks eine kniffelige Angelegenheit, ohne Garantie, dass es nicht doch mal einklappt und die Fahrwerksklappen beschädigt. Weiterhin sollte die Achse des Rades in den Streben versenkt werden, da es zum Verhaken an den Klappen kommen kann. Auch nicht optimal.

Der "Ventus 3" war nach knapp zwei Monaten fertiggestellt und stand mit 11,2 Kilogramm fertig ausgewogen bereit für den Erstflug. Ich habe den "Ventus" in der Rhön einfliegen dürfen, bei sehr windigen Bedingungen. Mit wenigen Schritten ging es mit laufendem Antrieb gegen den Wind Richtung Hangkante. Der "Ventus" war frei und stieg mit den drei Kilowatt sauber weg, auf 250 Meter Höhe wurde ausgeschal- tet. Schon bei diesem Erstflug mit einem Schwer- punkt von noch 90 Millimetern fühlte ich mich mit dem Modell absolut vertraut. Der "Ventus" kreiste absolut neutral, der Wind war ihm fast egal. Selbst bei engen Kreisen blieb er sehr kontrollierbar und gewann ständig an Höhe. Jeder Fetzen Aufwind wurde mitgenommen. Also Fazit bisher: Die Eignung zum Thermikflug war absolut gegeben. Nun ging es zum zweiten Teil der Versprechungen, zur Dynamik. Der "Ventus" nimmt Geschwindigkeit leicht auf, Höhe wird sehr gut in Geschwindigkeit umgesetzt, die wiederum gut nutzbar ist. Nachdem ich so viel Sicherheit schon beim Erstflug gewonnen hatte, ging es geradewegs zurück an die Hangkante. Wunderschön ließ sich der "Ventus" an der Kante entlangfliegen. Ein absoluter Genuss. Ein solch universell einsetzbares Großmodell habe ich in der Tat noch nicht besessen. An dieser Stelle sei gesagt, dass solch große Modelle natürlich immer mit einem gewissen Augenmaß zu betrachten sind. Es besteht zwar eine "Vollgasfestigkeit" bis circa 250 Stundenkilometer, aber ruppige Bedingungen in der Thermik beim Abstieg können so große Kräfte hervorrufen, dass dies kein Großmodell mit praktikabler Auslegung aushalten wird. Sicherlich trägt das Gewicht von 11,2 Kilogramm zu dem guten Flug- verhalten bei, ich würde den "Ventus 3" jedenfalls nicht leichter machen. Den Schwerpunkt habe ich im Laufe der Flüge dann noch einmal um zwei Millimeter nach vorne verlegt. Meine Empfehlung für dieses Modell kann ich jedenfalls uneingeschränkt geben.

Volker Kaul


Fakten

"Ventus-3" von Wildflug
Ein vorbildgetreuer Thermiksegler

Spannweite 6.000 mm
Länge 2.260 mm
Gewicht 11.200 g
Fläche 132 qdm
Flächenbelastung 84,85 g/qdm
Preis: 2.590,- Euro
Bezug bei Wildflug
Tel.: 0176/45999333
www.wildflug.com


Das Einziehfahrwerk ist vorbildgetreu, hat aber auch ein paar Tücken, die es zu lösen gilt


Die Kabinenhaube sitzt werkseitig absolut sauber. Das Schiebefenster wurde nachträglich eingebaut und von Gromotec bezogen


Bauausführung und Lackierung sind einwandfrei


Insgesamt zehn Servos werden alleine für die Tragflächen benötigt, acht für die Ruderklappen und zwei für die Störklappen


Höhen- und Seitenruder werden direkt aus dem Leitwerk heraus angelenkt


Der Cockpitausbau ist werkseitig sehr schön ausgeführt und kann trotz FES-Antrieb beibehalten werden


Mit sechs Meter Spannweite ist das Modell ein ausgesprochen dynamisch zu fliegender Thermiksegler


Die Vorbereitungen zum Erstflug in der Rhön wurden von den Modellsportkollegen mit großen Erwartungen an das schöne Modell begleitet


Der Handstart des 11,2 Kilogramm schweren Modells ist mit laufendem Antrieb kein Problem. Die drei Kilowatt ziehen den "Ventus 3" stabil nach oben


Dank FES-System stört kein Propeller die Optik



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