REPORTAGE

Bald geht es wieder an`s Fliegen

Ein "Grunau Baby III" wird restauriert


Franz Haas aus Köln ist Holzmodellbauer mit Leib und Seele. Er hat sich mit der Restaurierung viel vorgenommen

Das "Grunau Baby" gilt als eines der meistgebauten Segelflugzeuge überhaupt. Es heißt, dass deutlich über 5.000 Exemplare hergestellt wurden. Eines davon befindet sich bei Franz Haas in Köln, der den Oldtimer wieder flugfähig aufbauen will.

Konstruiert wurde das "Grunau Baby" im Winter 1930/31 von Edmund Schneider an der Segelflugschule Grunau (heute Jezów Sudecki, Polen). Überliefert ist, dass Edmund Schneider bei dem wesentlich bekannteren Segelflieger Wolf Hirth nachfragte, ob er mit dessen Namen für das "Baby" werben dürfe. So sollte der Eindruck entstehen, Wolf Hirth sei an der Konstruktion beteiligt gewesen.

Edmund Schneider hatte das "Grunau Baby" als Übungsflugzeug entworfen. Er achtete darauf, dass das Flugzeug von durchschnittlichen Segelflugvereinen mit beschränkten Mitteln nach Plänen nachgebaut werden konnte. Diese Möglichkeit wurde weltweit vielfach genutzt. Im Deutschland der 30er Jahre bildete das "Grunau Baby" neben der "SG-38" und dem "DFS Kranich" die Basis der fliegerischen Grundausbildung.

Die erste Ausführung "Baby I" hatte eine Spannweite von 12,87 Metern und wog leer nur 98 Kilogramm. Kurt Schmidt stellte damit 1933 in Ostpreußen einen Weltrekord im Dauersegelflug mit 36 Stunden und 36 Minuten auf. Edmund Schneider überarbeitete 1932/33 seinen Entwurf. Das "Baby II" erhielt einen um 70 Zentimeter verlängerten Tragflügel mit Hilfsholm und einen vergrößerten, stromlinienförmigeren Rumpf. Der Nachfolger "Baby IIa" erhielt zusätzlich noch größere Querruder, ein verstärktes Heck und eine abwerfbare, offene Kabinenabdeckung mit Windschutzscheibe.

Die meistgebaute Version jedoch wurde das "Grunau Baby IIb" mit Schempp-Hirth-Sturzflugbremsen und nochmals vergrößerten Querrudern. Allein in der DDR wurden davon von 1952 bis 1957 fast 400 Exemplare produziert und teilweise bis 1979 geflogen. Auch in Großbritannien wurden an die 50 "Grunau Baby IIb" gebaut.

Nach der Wiederzulassung des Segelfluges in Westdeutschland am 28. April 1951 spielte das "Grunau Baby" nochmals eine wichtige Rolle. Bei Schleicher begann man mit der Serienproduktion des "Grunau Baby III". Es hatte seinen Erstflug am 24. August 1951 und unterschied sich vor allem durch eine verkürzte Kufe mit dahinter angebrachtem Zentralrad sowie leicht abgeänderten Seiten- und Querrudern.

Auch bei Segelflugzeugbau Rudolf Schindler in Sulzdorf a.d.L. wurden "Grunau Baby III" gebaut. Der aus Schlesien vertriebene Rudolf Schindler hatte in seiner alten Heimat den Schreinerberuf erlernt und eine Ausbildung als Flugzeugbauer bei Edmund Schneider in Grunau absolviert. Er lieferte dem heutigen Luftsportverein Bad Friedrichshall-Oedheim am 6. Juni 1954 ein "Grunau Baby III" zum Preis von damaligen 4.200 DM. Zum Vergleich: Ein Facharbeiter in jener Zeit hatte einen durchschnittlichen Monatslohn von 166 DM und ein Maß Bier kostete 1,70 DM. Im September 1955 wurde das Flugzeug bei der Allianz für 55 DM Jahresprämie versichert, bei einer Deckungssumme von 135.000 DM.

Geflogen wurde das "Grunau Baby III" mit dem Kennzeichen D-8123 bis zum 6. Mai 1966, wurde vorübergehend stillgelegt, im Juli 1968 aber wieder in den Flugbetrieb aufgenommen. Zum Ende der Flugsaison im September 1974 - der letzte Eintrag im Flugbuch ist auf den 30. August 1974 datiert - ergab eine Jahresnachprüfung: der Rumpf müsste aufwändig restauriert werden. Angesichts des hohen Alters des Flugzeuges und mangels ausreichender finanzieller Mittel des Vereins wurde das "Grunau Baby III" nun endgültig aus dem Flugbetrieb genommen. Es fristete fortan sein Dasein unter der Hallendecke am Segelfluggelände Degmarn.

45 Jahre später wurde der Modellbauer und Segelflugzeugfan Franz Haas auf das Flugzeug aufmerksam. Er erfuhr, dass es zum Verkauf stand, wurde mit dem Verein handelseinig und holte es im Mai 2020 aus der Halle zu sich nach Hause. Wohlwissend, dass er einer herausfordernden wie auch aufwändigen Arbeitsaufgabe gegenüber steht. Sein erklärtes Ziel ist es, das Flugzeug flugfähig wieder herzustellen. AUFWIND wird weiter berichten.

Philipp Gardemin


Mit einigem Aufwand wurde das Flugzeug von der Hangardecke geholt und auf dem Anhänger für die Fahrt nach Köln fixiert


Angesichts des hohen Alters von 66 Jahren ist die Holzstruktur noch sehr gut in Schuss


Noch im Hangar hat Franz Haas die Teile inspiziert und konnte bereits mit den Planungen zum Wiederaufbau beginnen


Am Rumpf wurde bereits früher halbherzig mit den Arbeiten begonnen


Die Unterlagen des Flugzeugs sind lückenlos erhalten. Beginnend mit dem Kaufvertrag. Hier das Bordbuch mit dem letzten Eintrag vom 30. August 1974


Dieses "Grunau Baby III" wurde auf der vergangenen Segelflugmesse von Frederic Diller ausgestellt. Es wird vom Verein zur Förderung des historischen Segelflugs (www.vfhs.de) geflogen



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