TECHNIK

Einfach elektrisch

Der Umbau vom RES-Modell "Slite V2" in einen Elektrosegler


Dank Elektroantrieb erfolgt der Hochstart jetzt ohne Gummiseil

In AUFWIND 5/2019 stellte Philipp Gardemin das RES-Modell "Slite V2" von Höllein ausführlich vor. Jetzt hat er das Leichtgewicht elektrifiziert und damit ein völlig neues Flugerlebnis gewonnen.

Zugegeben, das Fliegen von RES-Modellen hat seinen Reiz: Gummiseil auslegen, hochstarten, Thermik suchen, aus Bodennähe wieder hochkämpfen - bedeutet Naturkräfte erleben. Doch mein "Slite V2" blieb immer häufiger zuhause, wenn es zum Fliegen ging. Schuld daran war der Aufwand mit dem Gummiseil und meine angeborene Bequemlichkeit. Ich wünschte mir vielmehr ein Modell, mit dem ich auch am Abend Segelflugerlebnisse haben kann. Und das fix aus der Hand gestartet! Was wäre da einfacher, als den "Slite V2" mit einem Nasenantrieb auszurüsten? Eigentlich nichts! Also - gesagt, getan.

Doch Nase abschneiden und Motor einschrauben reicht hier nicht. Der schlanke und spitz zulaufende Holzrumpf hat am Frontspant - also direkt hinter dem Nasenklotz - einen äußeren Querschnitt von knapp 24 x 24 Millimeter. Innen sind es sogar nur 21 x 21 Millimeter. Also quadratisch mit nur leicht abgerundeten Ecken, zudem eine Sperrholzverstärkung auf der Innenseite der Seitenteile. Einen Motor nachträglich dort hinein zu bringen, der vor allem das 430 Gramm leichte Modell auch noch fix auf Höhe bringen kann, scheint fast unmöglich. Beim Bau des Modells würden sich die Arbeiten leicht erledigen lassen. Doch nach der Fertigstellung und weitestgehend ohne Zerstörung des Modells? Und dann sollte sich der Aufwand ja auch noch in Grenzen halten.

Mein Blick fiel auf den Elektro-DLG "Snipe2 EL" von Darius Mahmoudi (vgl. AUFWIND 4/2019). Der hat einen hocheffektiven Außenläufer "F30" mit 2.300 kv, mit 23 Millimeter Durchmesser, mit perfekt passendem Spinner "VM 25/5" und hoch- wertigen CFK-Klappluftschraubenblätter der Größe 6 x 4 Zoll. Dieses Antriebsset ist für vergleichsweise kleines Geld bei Darius Mahmoudi (www.mahmoudi-modellsport.eu) zu bekommen. Und das passt auch perfekt für den "Slite V2".

Beim "Snipe2 EL" wird der Motor von vorne in die Rumpfröhre geschoben und dort von hinten verschraubt. Genau so wollte ich es beim "Slite" auch umsetzen. Mehrere Versuche und Ansätze, den Motor im Rumpfinneren zu verstecken, scheiterten jedoch am verhältnismäßig dicken Balsamaterial des Rumpfes. Das wäre zusätzlich nötig gewesen, um ihn wirklich rund zu machen. Zugegeben, da hat so ein CFK- Rumpf des "Snipe" deutliche Vorteile. Ich versuchte es mit dünn gewickeltem 1-mm-Balsa - doch das zerbrach schon beim Anschauen. Also blieb der Motor schließlich komplett im Freien. Optisch sicherlich nicht "so dolle" und auch aerodynamisch nicht gerade das Optimum - dafür aber ungemein praktisch und effektiv.

Den Umbau startete ich mit dem Zeichnen und dem Zuschnitt eines gleichschenkligen, achteckigen Motorspants. Der wurde - nach dem Absägen des Nasenklotzes - ganz vorne in dem offenen Rumpf des "Slite V2" eingeklebt. Zwei Grad Sturz gab ich ihm mit. Dann wurden die vier Ecken des Rumpfes schräg zulaufend bis auf den Spant herunter plangeschliffen und mit je einem Keil aus weichem 3-mm-Balsa wieder zugeklebt. Somit konnte der Rumpf - am Rumpfdeckel beginnend - nach vorne hin rundgeschliffen und auf den Durchmesser des Motors ange- passt werden. Mit ein wenig Schnellschliffgrund und einem Feinschliff war dieser nachträgliche Umbau auch farblich kaum noch als solcher zu erkennen. Den Motor habe ich dann einfach von innen mit zwei M3-Schrauben am Spant befestigt. Wie beim "Snipe"! Und die Kabel konnten direkt hinter dem Spant in den Rumpf geführt werden. Einen 30-A-BEC-Regler habe ich hinter dem Motorspant in den Rumpf geschoben.

Die Höhen- und Seitenruderservos mussten ihren Platz unter dem Rumpfdeckel - also direkt hinter dem Regler - räumen. Hier musste der Flugakku hin. Ich öffnete die obere Rumpfbeplankung bis an den Hauptspant und montierte die Servos so weit hinten wie möglich. Gerne hätte ich sie unter dem Flügel gehabt, doch hier reichte die Bauhöhe des Rumpfes nicht aus. Die Anlenkungen konnten direkt übernommen werden. Ich musste sie nur um ein paar Zentimeter kürzen. Der kleine 5-Kanal-Empfänger zog unter die Tragfläche um. Damit gab es nun zwischen Regler und Servos rund zehn Zentimeter Platz für den Flugakku (in meinem Fall: 3s-LiPo, 500 mAh). Der Schwerpunkt war damit problemlos einzustellen, mit zwei Styroporklötzchen wird der Akku am Verrutschen gehindert.

Der Gang auf die Waage offenbarte eine Gewichtszunahme von 41,7 Gramm und ein Fluggewicht von insgesamt 501,7 Gramm. Damit konn- te ich gut leben. Mit einem kleineren Akku ließe sich hier noch was einsparen, zudem es noch Platz nach vorne gibt.

Ein stiller Abend im Mai war für die Premiere des neuen "Slite V2 Elektro" wie geschaffen: Aus der Hand abgeworfen glitt das Modell wie gewohnt davon. Dann aber den Motor ein und Vollgas. Sofort stieg das Modell in einem sanften Bogen auf circa 60 Grad Steigflug und musste dank des Motorsturzes auch kaum nachgedrückt werden. Nach nur sechs Sekunden den Motor wieder aus und im Anschluss zwei Minuten herumgesegelt. Dann wieder den Motor ein, ein Steigflugbogen nach oben, nach wenigen Sekunden abgeschaltet, weitergesegelt. Das Antriebsgeräusch ist sehr angenehm. Es ist kein hochtouriges Gejohle, eher ein Sirren, passt akustisch perfekt zum Modell.

Ja, genau so hatte ich mir das vorgestellt. Und ich bilde mir ein, dass die knapp 42 Gramm Mehrgewicht der Dynamik des Modells sehr zuträglich sind. Der neue "Slite V2" gleitet einfach herrlich, ist wendig zu fliegen und wunderschön anzuschauen. Mit der halben Motorleistung des Drei-Wege-Schalters lässt er sich wie ein Motorflugmodell herumbrausen. Nach nunmehr rund 20 Flügen kann ich getrost sagen, dass die Universalität des schönen Modells deutlich gewonnen hat. So habe ich in den bisher zwei Monaten Flugbetrieb mit der Elektroversion deutlich mehr Zeit geflogen, als in dem ganzen Jahr zuvor als RES-Segler. Prädikat: nachahmenswert!

Philipp Gardemin
Fotos: Philipp Gardemin, Pascal Fempel



Fakten

"Slite V2" elektrisch
Ein RES-Modell von Höllein

Spannweite 1.960 mm
Länge 1.240 mm
Gewicht 501 g
Fläche 37 qdm
Flächenbelastung 13,5 g/qdm
Preis: 209,- Euro (Segler)
Bezug bei Der Himmlische Höllein
Tel.: 09561/555999
www.hoelleinshop.com


Die schlanke Seglernase und ihr (zukünftiger) Elektroantrieb


Direkt am Frontspant wurde die Nase abgeschnitten


Der achteckige Spant wurde eingeklebt. Die Schraube dient als Griff und zur Ausrichtung


Nach dem Herunterschleifen wurden Beplankungsstücke aus 3-mm-Balsa aufgeklebt und zunächst mit den Rumpflächen plangeschliffen


Abschließend wurde gerundet und passend auf den Motordurchmesser geschliffen


Motor, Spinner und Klappluftschraube befinden sich nun vor dem Spant


Um Platz für den Flugakku zu schaffen wurden die Servos an den Hauptspant verlegt


Der außen liegende Antrieb ist aerodynamisch und optisch sicherlich nicht die Ideallösung, aber sehr effektiv und eine einfache Angelegenheit das Modell zu elektrifizieren


Zum Start aus dem Stand wird dem Modell nur ein kleiner Schubs mitgegeben


Fliegerisch hat der Antrieb dem Modell sehr gut getan. Die 40 Gramm Mehrgewicht äußern sich in einer deutlich zugenommenen Flugdynamik


Ein entspanntes Fliegen am Abend war nie einfacher



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Diesen Beitrag und noch viel mehr finden Sie in AUFWIND Ausgabe 6/2020

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